Sonde hat Bahn des Kometen 67P nach zehn Jahren erreicht

Rosetta sucht die Ur-Materie: Fragen und Antworten zur Mission

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Riesen-Interesse: Zu einer Info-Veranstaltung über die Rosetta Mission kamen am Dienstagabend mehr als 200 Besucher. Sie schauten sich auch das 1:1-Modell der Landeeinheit Philea im Foyer des Max-Planck-Institutes für Sonnensystemforschung (MPS) in Göttingen an. Der Leiter der Lande-Operation, Dr. Hermann Bönhardt (Bildmitte, blaues Hemd) erläuterte das Projekt. 

Göttingen. Es ist eine einzigartige Mission: Das fliegende Labor Philae der Raumsonde Rosetta soll am 11. November auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerasimenko landen und Daten sammeln, von denen Wissenschaftler bisher nur zu träumen wagten. Das Institut für Sonnensystemforschung (MPS) in Göttingen, vorher Katlenburg-Lindau, ist daran maßgeblich beteiligt.

Warum muss die Sonde auf dem Kometen landen? 

Weil es ein Meilenstein für Weltraumforscher ist, die bisher mit zwölf Sonden im rasend schnellen Vorbeiflug nur Schnappschüsse von Kometen machen konnten. Die Forscher erwarten Rückschlüsse auf die Entstehung unseres Sonnensystems. Kometen sind Zeugen der Sonnensystem-Entstehung, haben sich nur dort bewegt. Sie sind seit 4,6 Milliarden Jahren zum Teil unverändert und tragen tiefgefrorene Urmaterie durchs All. Es ist eine Expedition ins Ungewisse zur Urmaterie eines Kometen, also möglicherweise auch unserer Erde.

Was sagen die Göttinger Forscher? 

Nach fast zehnjährigem Anflug auf 67P kommt es mir fast unwirklich vor, nun angekommen zu sein“, sagt Holger Sierks vom MPS in Göttingen, Leiter des Kamera-Osiris-Teams. „Es beginnt für Rosetta und für uns ein völlig neues Kapitel, von dem wir schon jetzt wissen, dass es die Kometenforschung revolutionieren wird.“

Was kostet die Rosetta-Mission? 

Das Unterfangen kostet etwa 1,3 Milliarden Euro. Der in Göttingen maßgeblich betreute Lander kostet 200 Millionen Euro. An der Mission arbeiten europaweit etwa 400 Wissenschaftler, dazu kommen Techniker.

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Wie lange wurde Rosetta entwickelt und wann startete die Sonde? 

Die Entwicklung des ESA-Projektes begann 1992. Der Start mit einer Ariane-Rakete war am 2. März 2004 – mit einjähriger Verspätung. Seitdem hat Rosetta mit der Landeeinheit Philea etwa acht Milliarden Kilometer im Weltall zurückgelegt.

Welche Rolle spielt das Göttinger MPS? 

Eine Hauptrolle: Das MPS ist weltweit die Forschungseinrichtung mit der stärksten Beteiligung an der Mission. Hier wurde auch das Kamerasystem Osiris, der Gas-Chromatograph-Massenspektometer Coxac auf der Landeeinheit entwickelt. Viele Teile von Philea wurden in Göttingen entwickelt und gebaut. Wissenschaftlicher Leiter der Landemission, mit einem französischen Kollegen zusammen, ist Dr. Hermann Bönhardt vom MPS.

Warum ist Komet 67P/Tschurjumow-Gerasimenko das Ziel? 

Das ist ein Zufall. Eigentlich wurde ein anderer Komet anvisiert. Durch die Start-Verspätung musste aber ein anderer Komet angepeilt werden, so geriet 67P, der etwa alle sechseinhalb Jahre die Sonne umrundet und dann aktiv wird, in das Visier der Weltraumforscher. Der Komet stammt wohl aus dem Kuiper-Gürtel am äußeren Rand unseres Sonnensystems, jenseits der Neptun-Bahn. Von dort wandert er hinaus – auch zum Jupiter. Er ist zurzeit etwa fünf Kilometer groß. Wenn er aktiv ist, reicht der Schweif 200 Millionen Kilometer weit.

Wo wird Rosetta auf den Kometen treffen? 

In einem Abstand von 640 Millionen Kilometern zur Sonne. Die Entfernung Sonne zur Erde beträgt 150 Millionen Kilometer.

Warum ist die Sonde acht Milliarden Kilometer geflogen? 

Weil sie zu wenig Treibstoff hat, muss die Gravitation der Planeten genutzt werden, um Schwung zu holen. So umkreiste Rosetta dreimal die Erde und einmal den Mars.

Wie wird die Landung vonstatten gehen, was sind die Schwierigkeiten dabei? 

Nach Eintritt in die Umlaufbahn, die etwa die Form eines Dreiecks hat, werden mit Hilfe der Kamera mögliche Landeplätze ausgesucht, zwei werden Mitte Oktober bestimmt. Die Auswahl ist wichtig, weil der Lander Philea keine Bremsdüsen hat. Das dreibeinige Labor wird am 11. November aus zehn Kilometern Höhe abgeworfen und nach etwa 100 Minuten mit maximal etwa zwei Stundenkilometer, also im Tempo eines gemächlichen Spaziergängers, auf dem Kometen-Boden auftreffen, wo er mittels Harpunen und Schrauben verankert wird. Philea muss auf den Boden gedrückt werden, weil er wegen der schwachen Gravitation statt 100 Kilogramm auf der Erde auf dem Kometen nur wenige Gramm wiegt.

Welche Daten wird das Labor Philae auf dem Kometen gewinnen? 

Ein Bohrer wird aus bis zu 40 Zentimeter Tiefe Bodenproben genommen, die vor Ort untersucht werden. Das Magnetfeld wird vermessen, Radiowellen werden das Kometeninnere durchleuchten. Bestimmt werden Temperatur, Dichte, Festigkeit und elektrische Eigenschaften. Die Kamera liefert 360-Grad-Bilder. Die Daten werden an den Orbiter gefunkt, dann zur Erde, wo sie im französischen Toulouse ankommen, von dort werden sie nach Köln geleitet.

Wie lange wird Rosetta Daten liefern? 

Vom 11. November bis etwa Mitte März 2015, hofft Dr. Hermann Bönhardt. Ende 2015 wird die Mission beendet sein, sagt Bönhardt.

Von Thomas Kopietz 

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