Rückgabe von Nazi-Beutekunst: Masken und Schmuck wieder in Polen

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Göttingen. Viele Kunst-Objekte, erbeutet von den Nazis, sind bis heute verschollen. Nicht so die des Ethnologischen Instituts der Uni Göttingen - dort wurden mehr als 300 Teile identifiziert, die einst der Universität Lodz in Polen gehörten.

Sie wurden jetzt zurückgegeben - 74 Jahre nachdem sie aus der polnischen Stadt verschwunden waren.

1942 hatten Hitlers Wehrmachtssoldaten die Stücke aus Lodz abtransportiert, über Leipzig waren die Exponate schließlich ins sichere Göttingen gebracht worden. Dort hatten die zum Teil bedeutenden Exponate - Kunst und Kult-Gegenstände vornehmlich aus Peru in Südamerika und dem Nordosten Liberias in Afrika - auch offen ausgestellt in den Schaukästen der Ethnologischen Sammlung am Theaterplatz oder unsichtbar im dortigen Magazin ihren Platz gefunden.

Aufgefallen waren Besonderheiten auf den Inventar-Karten und Etiketten der Schmuckstücke, Masken, Skulpturen, Gefäße und Waffen wie Speere bei einer Umgestaltung des Afrika-Teils der Ethnologischen Sammlung. Dort begann unter dem im April in Ruhestand gegangenen Kustos Dr. Gundolf Krüger bereits vor Jahren eine aufwändige Recherche. Ergebnis: Die Göttinger „Lodz-Sammlung“ gehörte als Teilsammlung zum Bestand des Städtisch-Ethnografischen Museums in Lodz, das sich 1996 gemeldet und seinen Anspruch auf Rückgabe formuliert hatte.

Seitdem spielten die Göttinger Objekte aus Lodz in der Restitutionsdebatte von NS-Beutekunst aus Polen eine Rolle. Die Uni Göttingen nahm die Sache ernst und richtete ein Forschungsprojekt ein.

Aber erst im Mai 2016 gingen die Exponate dorthin zurück nach Lodz. Begleitet wurden sie von der wissenschaftlichen Mitarbeiterin der Ethnologie in Göttingen, Nicole Zornhagen. Sie hatte mit dem neuen Kustos, Michael Klein, die Stücke zusammengestellt und noch einmal exakt beschrieben. Für den Transport wurde eine Spezialfirma engagiert, deren Mitarbeiter verpackten die in einem Raum im Institut präsentierten Stücke - darunter filigrane und fragile Federmasken - mit großer Sorgfalt, bevor sie auf die 770 Kilometer lange Strecke gehen konnten.

„Hoffentlich werden zahlreiche Exponate auch in Lodz wieder in Ausstellungen zu sehen sein“, hofft Kustos Michael Klein. In Göttingen reißt die Rückgabe indes keine große Lücke - 18.000 Stücke lagern in den Göttinger Ausstellungsräumen und Magazinen. Gleichwohl: Auch dem neuen Kustos gefielen einige Stücke besonders. Doch für Klein war es letztlich keine Frage, dass die 336 Teile dorthin zurück müssen, wo sie hingehören: „Das ist nur gerecht.“

Rückgabe von Nazi-Beutekunst: Masken und Schmuck wieder in Polen

Letztlich steht die Rückgabe auch für die jüngere deutsch-polnische Geschichte auf kulturellem und wissenschaftlichem Gebiet. „Alles lief einvernehmlich“, bilanziert Klein.

Warum es aber so lange gedauert hat, bis zum Vollzug, das kann auch die Leiterin der Zentralen Kustodie an der Uni Göttingen, Dr. Marie-Luisa Allemeyer, „nicht sagen“. Es sei eben auch ein politischer Prozess und der ziehe sich manchmal. Doch auch Allemeyer ist nun „froh, dass die Restitution abgeschlossen ist“.

So läuft die Rückgabe von Beutekunst an der Uni Göttingen

Die Restitution der Sammlungsgegenstände aus Liberia und Peru von der Uni Göttingen an die Universität Lodz ist nicht der erste Beutekunst-Rückgabe-Akt durch die Uni Göttingen.

2008 hatte die Staats- und Universitätsbibliothek (SUB) ein Projekt gestartet, in dem systematisch die unrechtmäßig in der NS-Zeit erworbene Literatur ermittelt werden sollte.

Die Mitarbeiter nahmen sich die Buchzugänge in der SUB von 1933 bis 1950 vor. 8000 wurden als verdächtig eingestuft, 1100 sind im Verzeichnis der Lost-Art-Datenbank genannt. Zahlreiche wurden zurückgegeben - auch an die SPD oder deren nahe Friedrich-Ebert-Stiftung sowie an Bibliotheken von Gewerkschaften.

Grundsätzlich melden Universitäten ihre Beutekunst-Funde oder -Bestände an die Koordinierungsstelle für Kulturgutverluste. Eine Internet-Datenbank gibt Aufschluss über die dort registrierten Beutekunst-Gegenstände.

Die Lost Art-Internet-Datenbank (www.lostart.de) dient der Erfassung von Kulturgütern, die infolge der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und der Ereignisse des Zweiten Weltkriegs verbracht, verlagert oder - insbesondere jüdischen Eigentümern - verfolgungsbedingt entzogen wurden. Die Datenbank wird vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste in Magdeburg betrieben.

Auch das Städtische Museum Göttingen hatte über den Leiter Dr. Ernst Böhme knapp 100 Fundstücke gemeldet - von Alltagsgegenständen bis hin zu Waffen. (tko)

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