Ex-THG-Schülerin aus Göttingen und erfolgreiche Autorin

Sabine Kray will mit kernigen Aussagen Debatte über die "Pille" anstoßen

Erfolgreich als Autorin und Übersetzerin: Die Berlinerin Sabine Kray stammt aus Göttingen und war Schülerin am Theodor-Heuss-Gymnasium (THG). Foto: DISONGA

Göttingen. Sabine Kray hat eines der wichtigsten Bücher über die Antibabypille geschrieben. Die erfolgreiche Autorin und Essayistin stammt aus Göttingen.

Von Thomas Kopietz

Kray machte ihr Abitur 2003 am Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) in Göttingen. Sie lebt in Berlin, arbeitet erfolgreich als Übersetzerin und Autorin. Wir sprachen mit ihr.

Was ist Ihr Buch „Freiheit von der Pille, eine Unabhängigkeitserklärung“ – ein Ratgeber oder mehr?

Kray: Kein Ratgeber, über die Pille wurden viele Ratgeber geschrieben. Die braucht es nicht mehr. Ich möchte zum Nachdenken anregen, eine Debatte anstoßen. Die Diskussion darüber ist ja nicht neu, sie ebbt aber immer wieder ab, wie so viele gesellschaftliche Themen. Ich möchte auch, dass wir davon wegkommen, weibliche Körper als makelhaft zu sehen. Und: Im Sinne der Gleichberechtigung manipulieren wird unseren Körper, damit er in ein System der Arbeitswelt passt. Eine Revolution sieht anders aus. Wir müssten die Erwerbswelt so gestalten, dass Frauen und Männer dort so hineinpassen, wie sie sind.

Worüber?

Kray: Über die Frage, warum die Pille überhaupt sein muss und wie mit dem Thema umgegangen wird. Die Pille wird als Normalität angesehen. Aber sie ist ein Arzneimittel, dass massiv in den Frauenkörper, die normalen Abläufe eingreift und dessen Einnahme erhebliche gesundheitliche Risiken mitsich bringt. Ich habe einen Beitrag in der „Zeit“ „Die Antibabypille ist unzumutbar“ betitelt. Dazu stehe ich, denn junge Frauen können durch die frühe Einnahme nicht einmal die normalen Vorgänge, ihr Gefühl für die Sexualität entwickeln. Sie kennen sich gar nicht normal – nur im Pille-Zustand. Ein gesunder Körper wird behandelt, manipuliert.

Die Pille war aber auch sexuelle Befreiung für Frauen..

Kray: Ja, einige dachten sich die Befreieung sieht so aus: Jetzt können wir so sein wie ihr Männer! Dabei kann eine Frau das auch ohne Antibabypille. Und das hätte sie auch damals schon tun können, sich angstfrei dem sexuellen Vergnügen hingeben können. Sie spürt meist sehr genau, wann es heikel wäre, ohne Verhütung Sex zu haben. Eigentlich ist die wahre sexuelle Befreiung der Sex und das Leben ohne Pille.

Sie formulieren provokante Thesen, Fragen und Aussagen – wie „Die Pharmaindustrie beeinflusst die Libido der Frauen“ – Punkt!

Kray: Das ist so. Wenn Frauen die Pille nehmen, hat das nicht selten einen negativen Einfluss auf die Lust. Die Pharmaindustrie hat doch ein großes Interesse daran, vielen das Produkt zu verkaufen. Und das funktioniert seit Jahrzehnten so. Mit Werbesprüchen und Wirkunngseigenschaften, die sich fest in den Köpfen der Menschen verankert.

Nehmen heute nicht weniger junge Frauen die Pille als früher?

Kray: Aus Gesprächen mit jungen Menschen weiß ich: Die Pille spielt immer noch so eine große Rolle. 70 Prozent der unter 19-Jährigen Frauen nahmen 2015 die Pille. Und sie wird von Ärzten immer noch teilweise ohne Beratung verschrieben. Auch Eltern, meist die Mütter, denken ja, sie tun mit der Empfehlung zur Einnahme ihren Kindern etwas Gutes. Und: Sie stammen ja auch aus der Generation, der es so vermittelt worden ist.

Wie kann sich so etwas so lange in den Köpfen festmachen?

Kray: Das Besondere ist ja, dass Arzeimittel verabreicht werden, wenn etwas mit dem Körper nicht in Ordnung ist. Die Manipulation mit der Pille fängt aber schon damit an, dass der Körper in Ordnung ist und er in einen anderen Zustand versetzt wird – und dabei überlegen die Menschen weniger, als wenn sie eine Schmerztablette nehmen. Manches sehen Frauen aber auch als Makel, ihren Körper oder ihre Menstruation, dabei ist diese ganz normal. Fruchtbarkeit kann karrieretechnisch ein Problem sein, all das ziehen wir uns seit früher Jugend gebetsmühlenartig rein und dazu kommt die als nur positiv verkaufte Wirkung der Pille durch Pharmaindustrie aber auch Mediziner und Eltern. Das wirkt – nun schon über Jahrzehnte.

Wie kann man davon wegkommen?

Kray: Es ist sehr wichtig, dass Frauen dazu kommen, dass sie sich sehr positiv mit dem Körper auseinandersetzen. Dass in dem Moment, wenn die Menstruation beginnt, die Fruchtbarkeit feiert – manche Kulturen tun das. Bei uns wird das als Makel gesehen, anstatt es als freudige Neuheit zu entdecken. Das persönlich so gewahr zu werden ist ja eigentlich etwas Tolles. So eine Entwicklung ist nicht zu verordnen. Natürlich kann ich mehr Sexualkundunterricht verordnen, aber entscheidend ist doch die Lehrerin, sie muss die Einstellung mitbringen. Deshalb schreibe ich auch solche Artikel und Bücher, es sind Appelle, um einen Gesinnungswandel anzuschieben. Treter Tropfen höhlt den Stein.

Dennoch: Sind Männer heute nicht auch besser informiert, als früher?

Kray: Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Es wäre schön, wenn die jungen Männer heute besser informiert und offener wären.

Und die Frauen?

Kray: Viele Frauen glauben einfach an die positiven Wirkungen der Pille, wie weniger Menstruationsbeschwerden, Berechenbarkeit der Menstruation, bessere Haut, schönere Haare. Und es gibt auch bei jungen Frauen das Bestreben vieles zu regeln, zu steuern, auch über Arzneimittel. Wir würden doch auch eine Pille nehmen, die das Ausbrechen einer Infektion verschieben kann, oder?

Sind Ihre Lesungen und Gespräche in Schulen deshalb wichtig?

Kray: Ich hoffe ja. Denn es ist wichtig, diese Fragen und Thesen zu diskutieren, darüber nachzudenken. Und es ist ja grundsätzlich gut, wenn sich Mädchen und Jungen gemeinsam mit dem Thema Sex und Verhütung beschäftigen.

Steht ihre Aufforderung, geschrieben auf Zeit-Online, Verzichtet auf die Pille, noch?

Kray: Ja, Ich brauche, wenn ich erfolgreich verhüten will, kein Produkt der Pharmaindustrie. Und ich halte, wenn ich verhüten will die Fäden in der Hand

Wie sind Veränderungen zu erreichen?

Kray: In erster Linie über das eigene Verhalten – wie gesagt, den Verzicht. Veränderungen wie eine bessere Beratung durch Eltern, Ärzte und im Schulunterricht brauchen Zeit. Schließlich konmmen die Beratenden aktuell ja auch aus der Zeit der bedenkenlosen Anti-Baby-Pille-Ära.

Sie haben auch in der MeToo-Debatte früh eine glasklare und nicht populäre Meinung formuliert, weitdenkend gefragt, wem es nützt, wenn sich jetzt immer mehr als Opfer anonymer Täter melden?

Kray: Ja. Wir müssen raus aus dem Opferstatus. Ich persönlich möchte nicht mehr zurückschauen auf Belästigungen. Ich für mich will erreichen, dass ich in Zukunft handele und sage, wann es zu viel ist, unabhängig davon, ob es schädlich für Karriere oder Freundschaft sein könnte. Das ist schwer, das die Situationen unterschiedlich sind. Klar ist: Frauen müssen klare Grenzen ziehen.

Die Debatte macht mich als Mann aber auch unsicher, ob die lieb gemeinte Berührung an Arm oder Schulter nicht gleich eine sexuelle Belästigung ist...

Kray: Wenn Sie sich darüber und ihr lockeres Verhalten Gedanken machen, ist das doch gut. Eigenes Verhalten sollte immer wieder hinterfragt werden. Ein umgekehrtes Rollendenken kann dabei wertvoll sein. Was würden Sie denn als anzüglich bewerten, wenn ein Mann sie als Frau berühren würde?

Sabine Kray, „Freiheit von der Pille – eine Unabhängigkeitserklärung“, Hoffmann & Campe, 144 Seiten, 10 Euro.

Zur Person

Sabine Kray, Jahrgang 1984, stammt aus Göttingen, machte 2003 am Theodor-Heuss-Gymnasium (THG) ihr Abitur, ging dann zum Studium Französisch und Amerikanistik an die Humboldt-Universität Berlin. Dort entdeckte sie ihre Leidenschaft für das Übersetzen. Heute arbeitet sie für Verlage und übersetzt aus dem Englischen ins Deutsche. Zweites Standbein ist das Schreiben. Für „Die Zeit“ verfasst sie regelmäßig Beiträge. Über ein Essay zur „Pille“ kam ein Verlag auf sie zu. Produkt ist „„Freiheit von der Pille, eine Unabhängigkeitserklärung“. Zuvor recherchierte und veröffentlichte sie die aufregende Lebensgeschichte ihres Opas Edward, der vom Zwangsarbeiter zum Ganoven wurde. Titel: „Diamanten Eddy“. (tko)

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