Im vergangenen Jahr wurde das Land zum Hotspot

Salafisten-Hochburg Niedersachsen: Hildesheim und Göttingen im Fokus

Göttingen. Im vergangenen Jahr ist Niedersachsen ein Hotspot für Ermittler und Verfassungsschutz in Sachen radikaler Salafismus geworden. Ein Rückblick auf die Ereignisse.

Nicht zuletzt, weil es am 26. Februar 2016 zu einer Messerattacke einer jungen Frau auf einen Polizisten Hannover kam, rückte das Land in den Fokus der Ermittler. Die offensichtlich radikalisierte 15-Jährige hatte bei einer Kontrolle im Hauptbahnhof unvermittelt ein Messer gezogen und es einem Bundespolizisten in den Hals gerammt, der lebensgefährlich verletzt wurde.

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Die junge Frau stand auch im Austausch mit einem Mann, gegen den der Staatsschutz im Zusammenhang mit der Absage des Fuß- ball-Länderspiels Deutschland gegen Niederlande im November 2015 ermittelte. Und: Sie habe in Chatnachrichten vorher über eine „Märtyreroperation in Deutschland“ gesprochen – auch im schulischen und familiären Umfeld habe es Hinweise gegeben, hieß es. Die Chats aber seien polizeilich erst im März, also nach der Messerattacke, ausgewertet worden.

Politisch entwickelte sich danach ein Streit: Die CDU im Landtag beklagte „strukturelle Mängel“ im Zusammenspiel niedersächsischer Sicherheitsbehörden bei der Terrorbekämpfung. Die CDU führte zudem an, dass Islamisten, die im April einen Bombenanschlag auf einen Sikh-Tempel in Essen verübt hatten, in salafistischen Moscheen auch in Hildesheim verkehrten und eventuell mit der hannoverschen Terrorzelle Kontakt hatten.

Razzia mit geringem Erfolg

Eine Aktion am 27. Juli stützt diese These: Sondereinheiten der Polizei durchsuchen die Moschee „Deutschsprachiger Islamkreis Hildesheim“ (DIK) und acht Wohnungen von Vorstandsmitgliedern des Vereins. Aber: Ein Info-Leck und frühe Zeitungsberichte über eine Razzia könnten den Erfolg geschmälert haben.

Laut Innenminister Boris Pistorius ist der DIK „ein bundesweiter Hotspot der radikalen Salafistenszene“ und in der Radikalisierung von friedlichen Salafisten. Zahlen des Staatschutzes stützen diese Aussage: Ein Drittel der 64 aus Niedersachsen ausgereisten Terrorkrieger sollen aus dem Umfeld der Hildesheimer Moschee kommen.

Noch ein Beleg für die starke radikale Szene in Südniedersachsen: Bei einer weiteren Razzia im November wird der Iraker Ahmad Abdulaziz Abdullah A., der sich Abu Walaa nennt, in Bad Salzdetfurth bei Hildesheim festgenommen. Der 32-Jährige gilt als eine zentrale Gestalt des Islamischen Staats (IS) in Deutschland und operierte lange als selbsternannter Imam des DIK von Hildesheim aus. Von ihm sind auch mehrere Hasspredigten bekannt.

Salafismus in Göttingen

Als Hochburgen der Salafisten gelten in Niedersachsen neben Hildesheim auch Braunschweig, Osnabrück und Wolfsburg. In Göttingen gibt es laut Polizei eine Klientel im mittleren zweistelligen Bereich, die mit dem radikalen Salafismus sympathisiert. Zwei Göttinger sollen als Anhänger der Terrormiliz IS 2015 ausgereist sein. Pässe von weiteren 26 Ausreisewilligen seien eingezogen worden. In Niedersachsen werden über 500 Menschen der Szene zugerechnet. Im Salafismus gibt es orthodoxe, unpolitische und gewalttätige Strömungen.

Rubriklistenbild: © dpa

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