1. Startseite
  2. Lokales
  3. Göttingen
  4. Göttingen

Interview mit Sartorius-Chef Kreuzburg: Weniger Tempo bei Neueinstellungen

Erstellt:

Von: Thomas Kopietz

Kommentare

Starke Entwicklung bei Sartorius: Die  Zahl der Mitarbeiter sich von Ende 2018 auf inzwischen rund 16.000 verdoppelt. (Symbolbild)
Wird weiter ausgebaut: Zurzeit entstehen weitere Produktionsgebäude auf dem Campus der Sartorius AG im Göttinger Industriegebiet. Der Konzern legte starke Halbjahreszahlen für 2022 vor und hat erneut 2000 Mitarbeiter eingestellt. © Hubert Jelinek

Die Sartorius AG hat eine wichtige Rolle in der Region Südniedersachsen. Wir sprachen dazu mit dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Joachim Kreuzburg.

Göttingen – Bei Sartorius geht es weiter nach vorn – auf der Mittelstrecke zum 2025-er-Ziel liegt der Göttinger Life-Science-Konzern klar vor den selbst gesteckten Werten. Wir sprachen mit Vorstandschef Dr. Joachim Kreuzburg über die Perspektive, die Rolle von Sartorius in der Region und unerwartete Werbung.

Herr Kreuzburg, was empfinden Sie, wenn in TV-Beiträgen Labore gezeigt werden und darin die klassische Sartorius-Waage zu sehen sind?

Das kommt vereinzelt noch vor und ist auch gut so, allerdings werden wir inzwischen auch in der breiten Öffentlichkeit verstärkt über unser Bioprozessgeschäft wahrgenommen. Ich war vor gut einem Jahr bei einer Konferenz in Berlin, auf der Özlem Türeci, die BioNTech-Mitgründerin, sprach. Am Ende ihres Vortrags zeigte sie einen Sartorius-Beutel, in dem sich der Corona-Impfstoff befand.

War das Product-Placement, diese für sie freudige Werbebotschaft, abgesprochen?

Nein! Ich war überrascht und habe mich gefreut.

Hat die Corona-Pandemie die Kultur im Unternehmen verändert?

Das ist eine interessante Frage. Einerseits waren die Hochphasen der Pandemie für alle eine große Herausforderung, weil das private Leben über eine längere Zeit massiv belastet wurde. Andererseits haben viele Menschen die Erfahrung gemacht, dass man als Team eine außerordentlich große Herausforderung bewältigen kann, die sehr kurzfristig ein hohes Maß an Anpassung verlangt. In dieser Hinsicht war die Pandemie mit Erfolgserlebnissen verbunden, vielleicht insbesondere bei Sartorius, da wir mit unseren Produkten für die Entwicklung und Produktion von Impfstoffen zur Überwindung der Pandemie beitragen.

Starker Mann bei Sartorius und engagierter Göttingen: Dr. Joachim Kreuzburg. Vorstandsvorsitzender Sartorius AG, im HNA-Interview.
Starker Mann bei Sartorius und engagierter Göttingen: Dr. Joachim Kreuzburg. Vorstandsvorsitzender Sartorius AG, im HNA-Interview. © Hubert Jelinek

Ist daraus, Teil der Lösung des Problems zu sein, auch eine stärkere Bindung der Mitarbeiter zum Unternehmen entstanden?

Ich denke schon. Mir haben Mitarbeiter gesagt: ‚Es macht mich stolz, in dieser Krise helfen und einen Beitrag leisten zu können. Das schafft eine hohe Identifikation mit dem Unternehmen. Im Übrigen: Die Mitarbeiterzahl ist rasant gestiegen, auch eine Folge der positiven Auswirkung der Entwicklung im Bio-medizinischen Bereich und jüngst auch der Pandemie-Auswirkungen in Bezug auf Impfstoff-Entwicklung und –Produktion. Die Mitarbeiterzahl hat sich von Ende 2018 auf inzwischen rund 16 000 verdoppelt. Allein in den ersten neun Monaten 2022 ist die Mitarbeiterzahl um mehr als 2000 gestiegen.

Sie gehen jetzt von einer ´stabilen‘ Mitarbeiterzahl aus, als Reaktion auf die seit 2020 übernatürlich starke Nachfrage seitens der Kunden, die sich jetzt normalisiert. In Göttingen wurden befristete Verträge nicht verlängert, ist das eine Folge davon?

Aufgrund der Normalisierung haben wir das Tempo bei Neueinstellungen inzwischen deutlich verlangsamt. Vor allem in der Produktion, aber auch in einigen anderen Bereichen, hatten wir 2020 und 2021 zudem Auftragsspitzen über befristete Verträge abgedeckt, was nun nicht mehr erforderlich ist. Unser Fokus liegt jetzt auf der weiteren Einarbeitung und Integration der vielen neu hinzugekommenen Mitarbeiter sowie auf der Konsolidierung von Organisation und Abläufen.

Sartorius zieht als attraktiver Arbeitgeber auch Arbeitskräfte von anderen Unternehmen in der Region ab. Das sorgt hier und da bei Unternehmern für Unmut. Haben Sie Verständnis dafür?

Ich kann die Sorgen mancher Arbeitgeber in Bezug auf den zunehmenden Arbeitskräftemangel natürlich verstehen, es kann aber doch für niemanden eine ernsthafte Alternative sein, dass wir in Göttingen weniger wachsen. Fast 4500 Menschen haben Ende September für Sartorius in der Stadt gearbeitet, hinzukommen mehr als 650 in Guxhagen. Davon profitieren nicht zuletzt viele Betriebe in der Region. Wir sorgen damit für Kaufkraft, steigende Steuereinnahmen und schaffen indirekt auch Arbeitsplätze bei örtlichen Lieferanten. Der entscheidende Punkt ist, dass die Region Göttingen als attraktiver Standort und Wohnort überregional mehr Anziehungskraft entwickeln muss. Das ist das zentrale Zukunftsthema, an dem die Akteure in der Region gemeinsam arbeiten müssen.

Im Vergleich mit den USA beklagen manche Spitzenforscher – auch in Göttingen – , dass der Weg zu Fördergeld mühsam ist, sodass Vorsprünge wieder verloren gehen. Ist das so?

Grundsätzlich ist die Verfügbarkeit von Forschungsmitteln in Deutschland und Europa nicht so schlecht. Die Ausstattung von Max-Planck-Instituten ist zum Beispiel oftmals sehr gut und konkurrenzfähig. Deshalb arbeiten dort viele Top-Forscher sehr gerne, auch in Göttingen. Viel besser als in Deutschland ist den USA hingegen die Situation beim Thema Unternehmens-Ausgründungen aus den Forschungseinrichtungen, da dort noch immer deutlich mehr Risikokapital zur Förderung solcher Start-ups zur Verfügung steht. Das kann und sollte der Staat allein nicht vollständig ausgleichen, aber doch an einigen Stellen die Rahmenbedingungen dafür verbessern. Denn entscheidend ist letztlich das private Risikokapital, BioNTech ist dafür ein hervorragendes Beispiel.

Hilft als Modell die neue Life Science Factory?

Wir versuchen damit, eine Lücke für Start-ups zu schließen, aber nicht primär mit Blick auf die Finanzierung. Die Life Science Factory bietet flexible, top-ausgestattete Labore zu einer sehr erschwinglichen Miete. Gerade im lebenswissenschaftlichen Bereich mit hohen Sicherheitsstandards können sich viele Gründer eine solche Ausstattung nicht leisten. Folglich stößt das Angebot auf Nachfrage, auch von Start-ups außerhalb Göttingens. Die Life Science Factory ist meines Erachtens ein Beispiel und Baustein dafür, Göttingen als attraktiven Gründungsstandort im Bereich der Lebenswissenschaften. (Thomas Kopietz)

Zur Person: Dr. Joachim Kreuzburg

Dr. Joachim Kreuzburg (57) ist seit 2005 Vorstandschef der Sartorius AG. Er kam in Höxter zur Welt, wo er Abitur machte. Nach dem Maschinenbau-Studium in Hannover arbeitete er beim Nieders. Institut für Solarenergieforschung (Hameln). 1995 wechselte er an die Uni Hannover, wo er 1999 zu einem umweltökonomischen Thema promovierte. 1999 startet Kreuzburg bei Sartorius, ist seit 2002 Mitglied des Vorstands. Sein Vertrag als Vorstandsvorsitzender läuft bis November 2025. Joachim Kreuzburg lebt in Göttingen, Hobbies sind Sport, Bergwandern und Musik. (tko)

Hintergrund: Sartorius – 16.000 Mitarbeiter an 60 Standorten weltweit

Der Sartorius Konzern ist ein international führender Partner der biopharmazeutischen Forschung und Industrie. Die Sparte Lab Products & Services konzentriert sich mit Laborinstrumenten und Verbrauchsmaterialien auf Forschungs- und Qualitätssicherungslabore in Pharma- und Biopharmaunternehmen und akademischen Forschungseinrichtungen. Die Sparte Bioprocess Solutions trägt mit den Produkten mit Fokus auf Einweg-Lösungen dazu bei, dass BiotechMedikamente und Impfstoffe sicher und effizient hergestellt werden. Der Konzern wächst durchschnittlich zweistellig pro Jahr und ergänzt sein Portfolio regelmäßig durch Zukäufe innovativer Unternehmen mit neuen Technologien. 2021 erzielte Sartorius einen Umsatz von 3,45 Milliarden Euro. Ende 2022 sind etwa 16.000 Mitarbeiter an etwa 60 Produktions- und Vertriebsstandorten für Kunden weltweit tätig. tko

Auch interessant

Kommentare