Cornelie Hildebrandts Buch

Schaurige und schöne Geschichten: Die dunklen Seiten der Stadt

Freude am Schreiben: Mit Themen der jüngeren und älteren Göttinger Vergangenheit beschäftigt sich Cornelie Hildebrandt. Sie schrieb so „Aufgewachsen in Göttingen“ und aktuell „Dunkle Geschichten aus Göttingen“ für den Wartberg-Verlag.
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Freude am Schreiben: Mit Themen der jüngeren und älteren Göttinger Vergangenheit beschäftigt sich Cornelie Hildebrandt. Sie schrieb so „Aufgewachsen in Göttingen“ und aktuell „Dunkle Geschichten aus Göttingen“ für den Wartberg-Verlag.

Göttingen hat auch dunkle Seiten – und diese sind Grundlage dunkler Geschichten.

Göttingen – Cornelie Hildebrandt hat „Dunkle Geschichten aus Göttingen“ gesammelt und präsentiert sie kurz und bündig auf 80 Seiten in dem gleichnamigen Buch in der Reihe „Schön & Schaurig“ des Wartberg Verlags. Aber: Obwohl entstanden in einer dunklen Pandemie-Zeit sind die kleinen Schilderungen keineswegs deprimierend für den Leser.

„Ja, ich habe sie in einer dunklen Zeit geschrieben, das tat vielleicht gut“, sagt Hildebrandt, um aber sogleich anzufügen: „Ich wollte aber auch in der Art der Aneinanderreihung und Geschichtenauswahl durchaus auch Lichtmomente in den dunklen Geschichten finden und beschreiben.“ Und die sollen als „Appetithäppchen dienen, um mehr über die Themen zu lesen“.

Beides ist der Autorin aus Göttingen gelungen. Dafür steht gleich die erste Geschichte um den Psychiatrie-Patienten, oder besser Gefangenen, den weggesperrten Julius Klingebiel, und dessen später zur Berühmtheit gewordenen Klingebiel-Zelle als bestes Beispiel in dem Buch. Denn trotz der Tragik um das lebenslange Wegsperren durch die Nazi-Justiz im Verwahrungshaus der Landesheil- und Pflegeanstalt am Rosdorfer Weg birgt die Geschichte des Julius Klingebiel doch Positives in sich: Ein Psychiater erkennt und fördert die künstlerischen Fähigkeiten des Insassen. Im „Festen Haus“ entsteht ein Kunstwerk, die bemalte Klingebiel-Zelle. Auch der Einstieg in dieses spannende Kapitels Stadtgeschichte ist exemplarisch: Hildebrandt steigt mit einer szenischen Schilderung eines Zoobesuches ein, das ist teils konstruiert aber passend für das, was später die Klingebiel-Malerei ausmacht: Er malt auch Hirsche und Tiger an die Zellenwände.

Die Reise mit Cornelie Hildebrandt durch Göttingens Dunkelheit ist durchzogen von Lichtstrahlen. So wird eine freigelegte Mikwe, ein jüdischen Bad, zum erhellenden Fund in einem Göttinger Stadthaus, das heute als„Löwenstein“ eine öffentliche Lokalität beherbergt. Ganz finster aber geht es auch: In der Nacht vom 5. auf den 6. Januar wirft eine junge Frau ihr uneheliches Neugeborenes in Gelliehausen in die Garte. Der Göttinger Schriftsteller Gottfried August Bürger forderte als Amtmann vor Gericht die Todesstrafe für die Frau. Jener Bürger, der selbst einen ungesitteten Lebensstil pflegte. Die Richter in Hannover entscheiden auf lebenslängliche Haft. Bürger aber gilt bis heute als Mann, der sich zwischen Pflicht und Leidenschaft aufrieb.

In dem Büchlein geht es auch um die dunklen Schokogenüsse der Göttinger „Schokoliesel“, Heines Weitsicht in Bezug auf die Bücherverbrennungen oder um den Göttinger Stadtwald. Dem machten die Menschen vor Jahrhunderten des schnöden Mammons wegen den Garaus, pflanzten ihn wieder neu – und so wurde der Hainberg, wie die Autorin sagt, „zu einem Vorzeigeobjekt“ – und zum Erholungsort zum Durchatmen in dunklen (Pandemie-)Zeiten. (tko)

Cornelie Hildebrandt, „Dunkle Geschichten aus Göttingen“, Wartberg-Verlag, 80 Seiten, 12 Euro.

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