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Schauspieler Günter Lamprecht drehte in den 80-er Jahren im Göttinger Klinikum

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Von: Thomas Kopietz

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Günter Lamprecht stand 1988 für das Projekt „Schmerz - Chronik einer Krankheit“ in der Göttinger Uni-Klinik vor der Kamera. . Er verkörperte im Film den Radsport-Trainer Karl Kenke, der durch leere Gänge lief.
Großer Schauspieler: Günter Lamprecht starb am 4. Oktober 2022. In Göttingen stand er 1988 für das Projekt „Schmerz - Chronik einer Krankheit“. Er verkörperte im Film den Radsport-Trainer Karl Kenke, der auch durch leere Gänge lief. © Repro Thomas Kopietz

Besondere Produktionen der Filmstadt Göttingen: 1988 dreht Regisseur Stefan Weller mit Günter Lamprecht den Film „Schmerz - Chronik einer Krankheit“.

Der Schauspieler Günter Lamprecht ist am 4. Oktober 2022 verstorben. Berühmt wurde Lamprecht 1980 in der Rolle des Franz Biberkopf in der 14-teiligen Fernsehserie „Berlin Alexanderplatz“ von Rainer Werner Fassbinder.

Aber auch mit Göttingen verband ihn vor allem der Film „Schmerz - Chronik einer Krankheit“ – ein für die jüngere Göttinger Filmhistorie höchst spannendes Projekt. Das Fernsehspiel war letztlich ein Aufklärungsfilm über eine damals oft nicht ernstgenommene Krankheit: chronische Schmerzen.

Aufklärungsfilm über lange nicht ernstgenommene Krankheit Chronische Schmerzen

In dem 1988 gedrehten 45-Minuten-Film spielt Lamprecht den Trainer Karl Kenke, der seinen Schützling, den gestürzten Radrennfahrer Ralle, in die Notaufnahme des Göttinger Uni-Klinikums bringt.

Beim Warten auf Diagnose und Behandlung für den jungen Sportler wandelt Kenke alias Günter Lamprecht durch die menschenleeren Gänge der Uni-Klinik. So entstehen fast surreale Bilder, die aber jeder als karge Realität kennt, der nachts einmal auf jenen Gängen im Klinikum unterwegs war.

Regisseur: Stefan Weller - hier im Porträt - drehte auch mit Günter Lamprecht in der Uni-Klinik. Archivfoto: Michael Caspar
Regisseur: Stefan Weller drehte auch mit Günter Lamprecht 1988 im Göttinger Uni-Klinikum. Archivfoto: Michael Caspar © Michael Caspar

Radsport-Trainer Karl Kenke reflektiert beim Gang durchs Klinikum sein Leben

Kenke reflektiert dabei sich und sein Leben. Schnell wird klar, dass der von Lamprecht glänzend verkörperte Kenke an chronischen Rückenschmerzen leidet. Er ist einer von damals drei Millionen chronisch Schmerzkranken in Deutschland. Sie leiden nicht nur körperlich, auch psychisch, denn ihre Leiden werden nicht ernst genommen. Sie werden gar als Hypochonder verunglimpft.

Chronischer Schmerz: Viele Millionen Menschen leiden darunter

2022 wird die Zahl der chronisch Schmerzkranken in Deutschland mit acht bis 16 Millionen beziffert. Chronischer Schmerz gilt heute als Volkskrankheit. Bleibt ein Schmerz länger als drei Monate, gilt er als chronischer Schmerz. Aber die Diagnose fällt immer noch schwer, auch, weil das Schmerzempfinden jedes Menschen, die Schmerzschwelle, eine individuelle ist.

Die Folgen hingegen sind vielschichtig: auch Angststörungen und Depressionen zählen dazu. Umgekehrt können wiederum diese psychischen Erkrankungen, aber auch Stress, ebenfalls körperliche Schmerzen verursachen. Das war lange umstritten, wurde auch von Medizinern abgetan, ist heute bewiesen.

Karl Kenke kann sich 1988 bei seinen Streifzügen durch die kargen, stillen Klinikumflure dem Eintauchen in die eigene Psyche nicht mehr entziehen: Er wandelt auf dem Gang der eigenen Schmerz-Historie. Die wird deutlich, als eine Psychologin all dem, was bei Kenke psychisch im Argen liegt, auf den Grund geht.

In der Beratung: Karl Kenke (Günter Lamprecht) sprach in dem Film „Schmerz – Chronik einer Krankheit“ mit Schmerztherapeutinnen und Psychologinnen der Uni-Klinik Göttingen.
In Beratung: Karl Kenke (Günter Lamprecht) sprach in dem Film „Schmerz – Chronik einer Krankheit“ mit Schmerztherapeutinnen und Psychologinnen der Uni-Klinik Göttingen. © Repro Thomas Kopietz

Schauspieler Günter Lamprecht war ein Glücksfall

„Schmerz“ ist seinerzeit ein Aufklärungsfilm: Er wendet sich gegen die damals noch medizinisch unpopulären Annahme, dass chronische Rückenschmerzen nicht allein durch körperliche Schäden, sondern auch durch psychische Probleme entstehen und verfestigt werden können. Lamprechts Zusage war für uns als damalige Spielfilm-Novizen ein absoluter Glücksfall“

Göttinger Uni-Medizin war mit Schmerzambulanz weit voraus

Den Medizinern und Forschern an der Göttinger Uni-Klinik ist das 1988 längst klar. Sie sind in der Schmerzforschung führend, haben längst eine Schmerzambulanz in der Anästhesiologie etabliert. Die Diplom-Psychologin Carmen Franz ist deshalb entscheidend an der Forschung und dem Konzept beteiligt – und sie arbeitete am „Schmerz“-Drehbuch mit.

Martin Choroba, heute Medienmanager und Geschäftsführer der Tellux-Mediengruppe, sowie Stefan Weller, heute Leiter der Unternehmenskommunikation der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), schrieben es und führten auch Regie. Besonders wichtig für die beiden war, dass die Botschaft des Films nicht belehrend, sondern authentisch und nachvollziehbar sein sollte.

Dafür wiederum brauchte es einen starken Charakterdarsteller. Die beiden jungen Filmemacher hatten einen im Blick: „Für uns kam damals nur Günter Lamprecht als Hauptdarsteller in Frage“, erinnert sich Stefan Weller. „Wir hatten seine Darstellerleistung im Alkoholikerdrama ‚Rückfälle’ gesehen, eine unglaublich intensive und beklemmende Darstellung des Suchtverlaufs.“

Film „Schmerz“ wurde auch öffentlich gefördert

Derart überzeugt von den schauspielerischen Leistungen Lamprechts und ihrem eigenen Plan, müssen die Filmemacher nur noch an den viel beschäftigten und gefragten Lamprecht herankommen. Sie klopfen hartnäckig bei ihm an und fragen, ob er die Hauptrolle übernehmen wolle.

Mit einer satten Gage können sie aber nicht ködern, denn die Finanzierung des Films in der damals kargen Fernsehlandschaft ist ein kompliziertes Unterfangen, wie Weller erzählt. Der Filmbeitrag wurde von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung sowie dem damaligen Südwestfunk SWF finanziert und von der auch in der Göttinger Filmszene bekannten „Westallgäuer Filmproduktion“ produziert.

Die Hartnäckigkeit, das Bohren der dicken Bretter aber hilft: Lamprecht ist dabei, sagt „Ich wag‘ das mal“, auch, weil ihm Weller und Choroba sympathisch sind. „Lamprechts Zusage war für uns als damalige Spielfilm-Novizen ein absoluter Glücksfall“, sagt Weller.

Film „Schmerz“: Lamprecht kniete sich voll in die Rolle hinein

Und der Darsteller kniet sich – wie nicht anders zu erwarten – voll hinein in das kleine Göttinger Low-Budget-Projekt, das auf ihn thematisch wie schauspielerisch einen Reiz ausübt.

So beschäftigt er sich im Vorfeld des Filmdrehs der Schauspieler Lamprecht intensiv mit Patientengeschichten, besucht Anamnesegespräche und tauscht sich mit Carmen Franz über die Psychologie des Schmerzgeschehens aus – eine für Lamprecht typische Vorbereitung, um sich seinen Figuren zu nähern..

Regisseur Weller machte „großartige Erfahrungen“

Bei der Arbeit im „Wahnsinnsmoloch“ Klinikum, so Produktionsleiter Arndt Schäfer, hinterlässt der großartige Schauspieler auch als Mensch Eindruck und Spuren: „Ich kann mich an seine überaus große Liebenswürdigkeit erinnern“, blickt Stefan Weller zurück, der daraus eine tiefe Dankbarkeit zieht.

„Ich hatte die Chance, von ihm erfahren zu dürfen, was eine hochprofessionelle Einstellung in der Vorbereitung und beim Dreh, eine enorme Präsenz am Set, ein Qualitätsverständnis, das keine Kompromisse kennt, bedeutet.“

Diese großartigen Erfahrungen wirken bei Weller auch 33 Jahre später nach. „All das hilft mir heute noch in Dürrezeiten des Alltagsgeschäfts, wenn es um Fragen von Qualität und Haltung geht.“

Film „Schmerz“ sollte ein Ausrufezeichen setzen

Hat der Film also seinen Zweck erfüllt? „Wenn der Fernsehfilm ein Ausrufezeichen setzen und für Aufmerksamkeit sorgen sollte, dann sicher Ja“, sagt Stefan Weller.

Im Fokus hätten die Schmerzpatienten gestanden. Ihnen sollte der Blick für die eigenen Gefühle geöffnet werden, so Weller, der auch weiß, dass der Film „in etlichen therapeutischen Einrichtungen und von Therapeuten eingesetzt wurde und dank des prominenten Hauptdarstellers und seines eindrücklichen Spiels Krusten gelockert hat“.

Tatsächlich hat „Schmerz“ seinerzeit gar neue Maßstäbe gesetzt, beim Vermitteln dieser komplexen, schwer greifbaren Erkrankung. Das lobten auch Kritiker, so in der „Zeit“.

Lamprecht jedenfalls war die Rolle des Karl Kenke nicht auf den Leib geschrieben, aber er verkörperte sie in eindrucksvoller Art und Weise. In einem Interview an Rande des Drehs lobt er übrigens indirekt die Schreiber des Drehbuchs: Er finde darin eine haargenaue Biografie vor. „Mit der kann ich mich fast identifizieren.“

Günter Lamprecht wurde 92 Jahre alt. (Thomas Kopietz)

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