Neue Essay-Sammlung

Interview: Von Schirach über die Würde und eine fragwürdige Welt

Auch er kommt zum Göttinger Literaturherbst: Ferdinand von Schirach liest am Sonntagabend im Deutschen Theater. Foto: nh

Göttingen. Er ist eine Persönlichkeit in der deutschen Autorenlandschaft: Ferdinand von Schirach hat bemerkenswerte Romane und Bücher vorgelegt. Jetzt hat der Spiegel-Kolumnist von Schirach eine Essay-Sammlung vorgelegt. Wir sprachen mit ihm über „Die Würde ist antastbar“.

Der Titel Ihres Buches ist oberflächlich ein Bruch mit Artikel 1 im Grundgesetz. Warum ist die Würde antastbar und wie wird sie heute angetastet? 

Ferdinand von Schirach: Man muss zuerst versehen, dass die Würde dem Menschen weder verliehen, noch kann sie ihm genommen werden, sie ist ein Teil von ihm. Aber natürlich ist sie kein Körperteil, wie ein Arm oder ein Bein. Sie ist eine Erfindung – eine sehr gute Erfindung zwar, vielleicht ist es sogar die beste Erfindung der modernen Gesellschaft überhaupt – aber sie ist dennoch nicht mehr. Der Satz in der Verfassung: „Die Würde ist unantastbar“ bedeutet daher nur, dass wir nicht wollen, dass sie angetastet wird. In Wirklichkeit wird sie dauernd verletzt. Wie? Im Grunde wird sie immer dann verletzt, wenn ein Mensch zum bloßen Objekt staatlichen Handelns gemacht wird.

Wer kann und wer muss verhindern, dass die Würde des Menschen in der Demokratie angetastet wird? Braucht es nicht für Regierende viel Selbstbewusstsein um, zum Beispiel, den Krieg gegen den Terror nicht mitzumachen? 

Von Schirach: Wir müssen das alle verhindern, wir sind ja der Staat. Wir entscheiden darüber, niemand sonst. Wenn wir heute mehr Selbstvertrauen brauchen, einen Krieg zu vermeiden, als ihn zu führen, dann liegt einiges im Argen.

Sind Sie ein prinzipientreuer Mensch – primär als Autor und auch als Jurist? 

Von Schirach: Ach nein, ich bin gar nicht so prinzipientreu. Wie fast alle Menschen versuche ich mich nur anständig zu verhalten. Manchmal gelingt es, oft genug nicht.

In dem Buch gibt es auch einen mutigen Text, der nur Fragen stellt? Warum? 

Von Schirach: Weil es tatsächlich so ist, dass ich mit vielen Begriffen und Ereignissen unserer Welt nicht mehr zurecht komme. Ich verstehe sie nicht und vermutlich bin ich nicht alleine damit. Fragen zu stellen hilft da oft.

Wer das Buch liest, erfährt auch etwas über den Menschen Ferdinand von Schirach. Warum war es Ihnen überhaupt so wichtig in diesem Werk auch Antworten auf die Fragen nach Ihrem Großvater zu geben? 

Von Schirach: Ich wurde oft nach ihm gefragt und dieser Text war der erste, den ich über ihn geschrieben habe. Er wird auch der letzte sein.

Noch einmal zurück zur Würde: Kann Würde denn überhaupt per Gesetz verordnete werden. Sie ist doch eigentlich stets vorhanden... 

Von Schirach: Sie haben ganz Recht, in unserer Verfassung besitzt sie eine Ewigkeitsgarantie, das heißt der Artikel 1, in dem sie festgelegt ist, kann nicht verändert werden, so lange das Grundgesetz gilt. Aber sie ist, wie gesagt, nur eine Erfindung. Sie verschwindet wieder, wenn wir sie nicht mehr für wichtig halten. Wir müssen damit sehr behutsam sein.

Reisen Sie in Zeiten der I-Pads noch immer mit einem zentnerschweren Büchersack, wie beschrieben? 

Von Schirach: Nur bei sehr langen Reisen.

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