Hunderte Millionen Euro Schaden

Internationale Online-Anlagebetrüger: Opfer aus der Region Göttingen überwies ihnen 250.000 Euro

Staatsanwaltschaft Göttingen
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Das Gebäude der Staatsanwaltschaft Göttingen: Hier wird gegen die Täter ermittelt. (Symbolbild)

Ermittlern ist ein Schlag gegen international agierende Online-Anlagebetrüger gelungen. Der Schaden soll sich nach Schätzungen auf mindestens 500 Millionen Euro belaufen. Jetzt wurden neue Details bekannt.

Update vom 11.10.2021, 19.15 Uhr: Göttingen/Braunschweig – Bei der Staatsanwaltschaft in Göttingen stapeln sich bereits 100 Aktenbände. Sie ermittelt in einem internationalen Online-Anlagebetrugsverfahren mit einem geschätzten Gesamtschaden von 500 Millionen Euro, dessen Ausmaß nicht absehbar ist.

Schlag gegen Online-Anlagebetrüger: Göttinger brachte Stein ins Rollen

Den Stein ins Rollen brachte ein Geschädigter aus dem Raum Göttingen, der offenbar 250.000 Euro bei den mutmaßlichen Betrügern angelegt hatte. Das Opfer hatte sich Anfang 2020 an die Ermittlungsbehörden gewandt. Das wurde am Montag bei einer Pressekonferenz aller Beteiligten in Braunschweig bekannt. Er war auf die geschickte Masche hereingefallen.

Die Täter, die fast alle im Ausland sitzen, werben im Internet mit tollen Anlage- und hohen Renditemöglichkeiten (Online-Trading). Dabei nehmen sie unerlaubterweise auf Prominente und bekannte TV-Sendungen Bezug. Suggeriert wurde Geschädigten, dass sie in bestimmte Produkte (Öl, Gold, Silber beziehungsweise Kryptowährungen) investieren.

Schlag gegen Online-Anlagebetrüger: Die Masche

Zunächst ging es in der Regel um eine vergleichsweise geringe Anlagesumme von 250 Euro. Über ihren „Kontostand“ wurden die Opfer auf speziellen Portalen, die die Täter geschaltet hatten, informiert. Dort wurden nach Angaben der Ermittler „steigende Kurse“ gemeldet. Persönliche Berater sorgten anschließend per Telefon dafür, dass die Opfer noch mehr Geld anlegten – das Göttinger Opfer steckte 250 000 Euro in diese Geschäfte. Wie viele Geschädigte es insgesamt gibt, ist bislang noch nicht absehbar. Die Strafverfolgungsbehörden gehen davon aus, dass viele Geschädigte noch gar nicht bemerkt haben, dass sie Opfer einer Betrugsmasche geworden sind. Der Schwindel fliegt nämlich erst dann auf, wenn die Anleger versuchen, etwas von ihrem „Konto“ abzuheben. Dann behaupten die Täter, dass die Kurse implodiert sind oder Steuern beziehungsweise Gebühren für die Auszahlung zu entrichten seien. An ihr Geld kommen die Opfer jedenfalls nicht.

Fast zwei Jahre dauerten die Ermittlungen. Die Spur führte unter anderem nach Zypern, nach Bulgarien, die Ukraine und in die Niederlande. In diesen Ländern gab es am vergangenen Mittwoch einen Großeinsatz der Polizei, der von der europäischen Polizeibehörde „Europol“ und der Agentur „Eurojust“, die für die länderübergreifende Zusammenarbeit in Strafsachen zuständig ist, koordiniert wurde. Beide haben ihren Sitz in Den Haag.

Schlag gegen Online-Anlagebetrüger: Hauptverdächtiger festgenommen

Auf Zypern wurde inzwischen ein mutmaßlicher Hauptverdächtiger festgenommen, der gegen Kaution zunächst wieder auf freien Fuß kam. Er soll nach dem Willen der Ermittler nach Deutschland ausgeliefert werden. In Bulgarien wurden zwei Call-Center ausgehoben, und in der Ukraine stand eine Computer-Firma im Fokus, die die technische Infrastruktur bereitgestellt haben soll. In den Niederlanden wurden Computerserver sichergestellt.

Die Aktion lief gleichzeitig, damit die Verdächtigen die Computer und Netzwerke nicht verschlüsseln konnten. Die Polizei beschlagnahmte inzwischen 170 Plattformen, die über 250 Adressen zu erreichen waren. Auf ihnen werden Hinweise auf die Übernahme durch die Strafverfolgungsbehörden angezeigt. Die Abschaltung und Übernahme der Server sowie der Internetadressen (Domains) ist allerdings nicht leicht, weil diese im Ausland (zum Beispiel USA) stehen beziehungsweise dort registriert sind.

Schlag gegen Online-Anlagebetrüger: Weitere Plattformen

Die Beamten gehen davon aus, dass nun noch weitere Betrugs-Plattformen bekannt werden, die die Täter nutzen und genutzt haben. Das werde die Auswertung der Beweise zeigen, hieß es am Montag. Auf den geschätzten Gesamtschaden von mindestens 500 Millionen Euro sind die Ermittler gekommen, weil allein bei einer der 170 bekannten Plattformen Anleger um gut fünf Millionen Euro geprellt wurden.

In Deutschland laufen die Verfahren bei der Polizei in Braunschweig, den Staatsanwaltschaften in Göttingen und Rostock und der Polizei Rostock zusammen. Die Behörden in Niedersachsen und Mecklenburg-Vorpommern arbeiteten dabei eng zusammen. (Bernd Schlegel)

Hintergrund: Informationen über bekannte Internetadressen der Täter

Die mutmaßlichen Betrüger sollen über verschiedene Internetplattformen Geschäfte mit Finanztransaktionen im Bereich sogenannter Differenzkontrakte (CFD = Contract for Difference) angeboten haben. Dabei wurde allein in Deutschland bislang ein Vermögensschaden von etwa 15 Millionen Euro nachgewiesen.

Die Polizei hat im Internet eine Sonderseite mit allen bekannten Internetadressen, die die Täter genutzt haben, zusammengestellt. Die Beamten raten möglichen Opfern, unbedingt Anzeige bei der Polizei zu erstatten. Unter der Rufnummer 0531/476-2525 wurde eine Hotline eingerichtet. Weitere Infos gibt es hier. (bsc/lni)

Erstmeldung: Staatsanwaltschaft Göttingen ist eingbunden

Erstmeldung vom 10.10.2021, 14.18 Uhr: Göttingen/Braunschweig - Auch die Staatsanwaltschaft Göttingen ist in die Ermittlungen eingebunden.

In Bulgarien, den Niederlanden, der Ukraine und Zypern wurden mehrere Objekte wegen des Verdachts des gewerbs- und bandenmäßigen Betruges durchsucht sowie Zeugen vernommen, teilten am Sonntag die Staatsanwaltschaft Göttingen die Polizei Braunschweig mit. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen.

Schlag gegen Online-Anlagebetrüger: Viele Ermittler beteiligt

An der Aktion beteiligt waren Ermittler der Zentralen Kriminalinspektion Braunschweig und Rostock sowie ausländische Spezialkräfte. Sie handelten im Auftrag der Staatsanwaltschaften Göttingen und Rostock - den jeweiligen Zentralstellen Internet und Computerkriminalität - in Zusammenarbeit mit Eurojust und Europol.

Ermittlern ist offenbar ein Schlag gegen international agierende Online-Anlagebetrüger gelungen. (Symbolbild)

Mehr als 100 Einsatzkräfte waren an den Durchsuchungen am 6. Oktober beteiligt. Sie beschlagnahmten zahlreiche Computer, Laptops, Handys und weitere Speichermedien sowie Daten und Unterlagen. Etliche Konten der Beschuldigten wurden eingefroren. Die Ermittler sperrten zeitgleich mehrere vermeintliche Handelsplattformen und beschlagnahmten einige hundert Server.

Schlag gegen Online-Anlagebetrüger: Zwei Jahre Ermittlungen

Seit fast zwei Jahren liefen demnach Ermittlungsverfahren gegen mehrere Beschuldigte. Diese sollen über verschiedene Internetplattformen vermeintliche Geschäfte mit Finanztransaktionen im Bereich sogenannter Differenzkontrakte (CFD = Contract for Difference) angeboten haben. Dabei wurde allein in Deutschland bislang ein Vermögensschaden von etwa 15 Millionen Euro nachgewiesen. Schätzungen zufolge dürfte sich der Gesamtschaden auf mindestens 500 Millionen Euro belaufen.

Der hohe Grad der Organisation und Professionalisierung der Beschuldigten zeige, welche Bedrohung Cyberkriminalität mittlerweile für unsere Sicherheit darstellt, sagte Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) am Sonntag. „Deshalb hat es sich als besonders wichtig und gut gezeigt, dass die nationale und internationale Zusammenarbeit zwischen Polizei und Staatsanwaltschaft so hervorragend funktioniert“, sagte die Ministerin.

Niedersachsens Justizministerin Barbara Havliza (CDU) lobte die internationale Zusammenarbeit.

Aus Sicht von Havliza ist die politische Aufgabe ist klar: „Wir müssen bei Personal und Ausstattung weiter so voranschreiten, dass diesen Kriminellen und ihren Machenschaften keine Chance bleibt, ihre Netze auszubauen.“ Das Ausmaß der Taten mahne die Politik aber auch, die Anstrengungen bei der Geldwäschebekämpfung weiter zu intensivieren. Havliza: „Denn Geld ist immer die Triebfeder der organisierten Vermögens- und Drogenkriminalität. Wenn sich mit dem schmutzigen Geld nichts anfangen lässt, trifft das die organisierte Kriminalität am meisten.“

Schlag gegen Online-Anlagebetrüger: Pressekonferenz am Montag

Weitere Einzelheiten in dem Fall wollen die Ermittler am Montag bei einer Pressekonferenz bekannt geben. (Bernd Schlegel, mit dpa)

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