Sensationelle Aerodynamik

Der Schlörwagen: Ein Geheimnis im Windkanal

Der Schlörwagen: Das Fahrzeug sorgte 1939 für Aufsehen. Entwickelt wurde das Experimentalauto in Göttingen. Foto: DLR/nh

Göttingen. Vor 75 Jahren stellten Strömungsforscher der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen (AVA), dem Vorgänger des heutigen Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt, ein besonderes Auto vor.

Der Schlörwagen galt lange Zeit als konsequenteste Umsetzung der Aerodynamik im Fahrzeugbau. Der Schlörwagen war ein Experimentalauto, das 1939 für Aufsehen sorgte. Seine Windschlüpfigkeit, gemessen als sogenannter Strömungswiderstandskoeffizient (Cw-Wert), war mit 0,186 sensationell niedrig.

Einige der Rätsel um das Auto konnten im Archiv des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), dem Nachfolger der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen (AVA) gelöst werden. Nachmessungen von Volkswagen in den siebziger Jahren an einem Modell bescheinigten dem Schlörwagen sogar einen Cw von nur 0,15. Heutige Autos reichen mit einem Cw-Wert von 0,24 bis 0,3 nicht an die günstige aerodynamische Form des Schlörwagens heran. Lediglich moderne Experimentalautos wie das sogenannte Ein-Liter-Auto von VW oder ein Versuchsfahrzeug der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich weisen niedrigere Cw-Werte auf. Im Gegensatz zu diesen bot der Schlörwagen allerdings sieben Personen - einer ganzen Familie - Platz.

In Göttingen kam ein Modell des Schlörwagens jetzt nochmals in den Windkanal: Die Aufnahmen bestätigten die Untersuchungen aus den 30er Jahren: Die Strömung schmiegt sich eng an das Modell an. Es kommt zu keinerlei Strömungsabrissen oder Verwirbelungen, die ein Fahrzeug bremsen würden. Als geradezu ideal erwies sich das lang hinuntergezogene Heck: Dort zeigte sich keinerlei Luftrückströmung, die bei den meisten Autos für erhöhten Luftwiderstand sorgt. Der Schlörwagen verdankt dem Ingenieur Karl Schlör (1910 bis 1997) seinen Namen. Das Auto sollte nicht in erster Linie hohe Geschwindigkeiten erzielen, sondern bei herkömmlichem Fahrtempo einen besonders niedrigen Verbrauch haben und einer ganzen Familie Platz bieten - ein Konzept, das in der Zeit von Klimawandel und Energiekrise äußerst modern anmutet.

Tragfläche als Vorbild

Schlör wählte für die Grundform des Wagens zwei Profile von Flugzeugtragflächen mit einem besonders niedrigen Luftwiderstand aus. Die Form des Fahrzeugs ähnelte der eines halben Tropfens, was ihm wohl später den Spitznamen „Göttinger Ei“ eintrug. „Im Grunde genommen ist der Schlörwagen ein Flügel auf Rädern“, erklärt Prof. Andreas Dillmann, Leiter des DLR-Instituts für Aerodynamik und Strömungstechnik.

Der Schlörwagen: Experimentalauto aus Göttingen

Um diese aerodynamisch günstige Form so wenig wie möglich zu stören, wurde die Karosserie so weit nach außen gezogen, dass sich die Vorderräder innerhalb der Karosserie drehen konnten. Dies führte zu einer großen Fahrzeugbreite von 2,10 Metern. Mit dieser Breite nahmen die Konstrukteure einen etwas höheren Luftwiderstand in Kauf. Der Boden des Fahrzeugs war geschlossen, die Fenster schlossen bündig mit der Außenhaut. Trotz einer Aluminium-Karosserie war der Wagen etwa 250 Kilogramm schwerer als das Serienmodell, ein Mercedes 170 H. (bsc)

Testfahrten auf der Autobahn

Auf der vor 75 Jahren bei Göttingen gerade fertig gestellten Autobahn, dem Vorläufer der heutigen A 7, absolvierte der Schlörwagen im Jahr 1939 eine Reihe von Testfahrten.

Die Höchstgeschwindigkeit betrug beim Serienwagen etwa 105 Kilometer pro Stunde, beim Stromlinienwagen beachtliche 134 bis 136 km/h. Der Schlörwagen verbrauchte auf 100 Kilometer acht Liter, das Serienmodell hingegen zehn bis zwölf Liter - eine Reduzierung um 20 bis 40 Prozent.

Trotz all seiner aerodynamischen Vorteile ging der Schlörwagen nie in Serienproduktion. Und das nicht ohne Grund: „Die Exzellenz der Aerodynamik ging auf Kosten der Fahrsicherheit“, sagt Dillmann. Der Schlörwagen war nicht nur sehr schwer fahrbar, stärkerer Seitenwind hätte das Fahrzeug von der Straße gefegt. Die Probleme mit der Fahrsicherheit wären heutzutage mit Hilfe elektronischer Fahrassistenzfunktionen vielleicht in den Griff zu bekommen. Nach Abschluss der Fahrtests in Göttingen wurde der Schlörwagen 1939 auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) in Berlin einem staunenden Publikum vorgestellt. Doch der Zweite Weltkrieg machte jegliche Pläne für eine Weiterentwicklung von Personenkraftwagen zunichte. 1942 wurde der Schlörwagen mit einem Propeller aus der russischen Kriegsbeute mit 130 PS ausgestattet. Die Konstruktion erregte auf einer Testfahrt in Göttingen Aufsehen. Am Ende des Krieges verschwand er aus dem Fokus der Öffentlichkeit. Im Laufe der Jahre entstanden verschiedenste Theorien über seinen Verbleib.

Dr. Jessika Wichner, Leiterin des Zentralen Archives des DLR, weiß es genau: „Der Schlörwagen stand noch nachweisbar bis mindestens Ende August 1948 in der AVA Göttingen.“ Der Erfinder Schlör musste damals per Brief erfahren, dass von seinem Wagen „die Karosserie in beschädigtem Zustand noch notdürftig erhalten“ sei. Teile wie Sitze und Räder waren bereits im Krieg ausgebaut worden, der Wagen „parkte“ in einem abbruchreifem Gebäude.

Spur verliert sich

Wichner: „Das Fahrzeug war damals weder in einem fahrtüchtigem Zustand, noch überhaupt ein vollständiges Automobil.“ Hoffnungen Schlörs, wenigstens die Reste ausgehändigt zu bekommen, zerschlugen sich 1948: Ein Abschleppwagen musste aus Göttingen unverrichteter Dinge zurückkehren, die britische Militärverwaltung erteilte keine Freigabe. Danach verliert sich die Spur des Fahrzeugs. „Die Wahrscheinlichkeit, dass man die schwer beschädigte Karosserie irgendwann schlicht und ergreifend entsorgt hat, ist leider sehr hoch“, so Wichner. (bsc)

Modell steht im PS-Speicher

Im Erlebnismuseum PS-Speicher in Einbeck ist ein Modell des Schlörwagens im Maßstab 1:5 ausgestellt.

In dem vor einigen Monaten eröffnete Museum kann man Geschichte, Gegenwart und Zukunft der Mobilität auf der Straße erleben. Neu ist ein Rennsimulator mit einem Porsche 911. Dabei kann man selbst am Steuer des Sportwagens Platz nehmen. (bsc)

http://www.ps-speicher.de

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