5. Mai 1945

Schnell und meist kampflos: Vor 75 Jahren endete der Krieg in Niedersachsen

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Besatzungssoldaten vor dem Göttinger Gänseliesel.

Einen Monat lang wurde gekämpft auf dem Gebiet des heutigen Niedersachsens, dann ging vor 75 Jahren im Nordwesten der Zweite Weltkrieg zu Ende. Vom Landkrieg blieb der Nordwesten bis in die letzten Kriegswochen verschont.

Er war „eine letzte, noch relativ intakte Machtbasis des NS-Regimes“, schreibt der Historiker Ian Kershaw. Ab Anfang April 1945 rückten die alliierten Truppen dann aus dem Ruhrgebiet kommend auf niedersächsichem Gebiet vor.

Göttingen: Als Nazis flüchten und Bürger die Stadt übergeben

In Göttingen ruft NSDAP- Kreisleiter Thomas Gengler noch am 11. März, als alliierte Truppen bereits am Rhein stehen, die Menschen zum bewaffneten Widerstand auf: „Kapitulieren – niemals!“ Doch am 26. März verlassen die deutschen Soldaten Göttingen, die Zietenkaserne. Zurück bleiben in der Lazarettstadt etwa 350 nicht transportfähige Soldaten, 200 Gewehre und drei Maschinengewehre. Dass damit auf Befehl von Gauleiter Hartmann Lauterbacher die Stadt verteidigt werden soll, zeigt den Wahn der Nazis kurz vor Kriegsende. Während in Kassel und an der Weser am 1. April US-Panzer vorrücken, tauchen US-Tiefflieger über dem Göttinger Bahnhof und Flugplatz auf. Die Lage spitzt sich zu. 

Dann passiert das Außergewöhnliche: Bürger aus Stadt und Universität übernehmen die Initiative: Sie wollen die „freie Stadt“ mit ihren Menschen, als Lazarett mit 2000 Verwundeten und die wertvollen Uni-Institute retten – durch eine kampflose Übergabe. Gauleiter Lauterbacher aber trifft keine Entscheidung. Am 8. April beraten die Köpfe der „Bürgerinitiative“, wie die Stadt an die Amerikaner übergeben werden könnte. Die Lage ist dramatisch: Es gibt häufig Fliegeralarm. NSDAP-Kreisleiter und Stab machen sich aus dem Staub. Gegen Mittag melden die Luftschutzsirenen per Dauerton „Fliegeralarm“. Die Artillerie der Amerikaner steht westlich der Stadt auf den Anhöhen. Um 12.50 Uhr eröffnen sie das Feuer: Die Granaten schlagen im Ostviertel ein. Der Kampfkommandant der Nazis setzt sich ab. 

Göttingen ist nun eine offene Stadt, die Übergabe an die Besatzer ist möglich, ja nötig, um den Beschuss zu stoppen. Als amerikanische Soldaten schon auf dem Marktplatz stehen, fährt die Delegation unter dem NSDAP-Oberbürgermeister Albert Gnade dorthin. Im Amtszimmer des Rathauses vollzieht Gnade die Übergabe. Es ist 13.30 Uhr. In der Stadt bleibt es ruhig, es gibt keine Kämpfe mehr. Doch die wirren Nazis sorgen noch einmal für Angst: In der Nacht auf den 10. April versucht eine SS-Panzertruppe die Stadt zurückzuerobern. Doch die Amis bannen die Kriegsgefahr. Für die Göttinger ist das Grauen des II. Weltkriegs am 10. April endgültig beendet.

Osnabrück kapituliert

Osnabrück wurde am 4. April kampflos an die Briten übergeben, die weiter nach Nordosten marschierten. Im Süden bewegten sich US-Truppen, die am 8. April Göttingen, am 10. April Hannover und am 12. April Braunschweig eroberten. Im Westen Richtung Emsland rückten Kanadier vor und polnische Soldaten, die der Exilregierung in London unterstanden.

Vielerorts zwangen Nazi-Funktionäre Soldaten und Zivilisten zu sinnlosen Abwehraktionen. Um Bremen wurde gekämpft, die Weserbrücken wurden gesprengt, bevor am 26./27. April britische Soldaten einzogen. Hamburg wurde den Briten am 3. Mai kampflos übergeben.

Dönitz in Lüneburg

Der britische Generalfeldmarschall Bernard L. Montgomery hatte sein Hauptquartier bei Lüneburg aufgeschlagen, sagte der Lokalhistoriker Uwe Plath. Dorthin entsandte Admiral Karl Dönitz, den Adolf Hitler vor seinem Selbstmord zum Reichspräsidenten ernannt hatte, eine Militärdelegation. Am 4. Mai 1945 erklärten die Deutschen die Teilkapitulation für Nordwesteuropa, die am nächsten Morgen in Kraft trat. „Das Geschehen von Lüneburg ist für Norddeutschland von großer Bedeutung“, sagt Plath. Am 5. Mai 1945 streckte die Wehrmacht in Norddeutschland und den besetzten Gebieten von den Niederlanden bis Skandinavien die Waffen vor den Alliierten. Drei Tage später am 8. Mai kapitulierte das Deutsche Reich..

Als die Waffen schwiegen, seien die Menschen erleichtert gewesen und zugleich voller Furcht. „Es war eine Befreiung wider Willen und eine Befreiung, die man nicht als eine solche wahrgenommen hat“, sagt Jens-Christian Wagner, Geschäftsführer der Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten.

Vorher Luftkrieg

Der Luftkrieg hatte die norddeutschen Städte schon vorher getroffen. In Hannover erinnert die Ruine der Aegidienkirche an die verheerenden Luftangriffe von 1943, in Hamburg steht als Mahnmal die Ruine von St. Nikolai. Noch im Untergang beging das Nazi-Regime auf niedersächsischem Boden zahllose Verbrechen. Gefangene der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) wurden im April auf Friedhöfen in Hannover und Hildesheim ermordet.

Die SS löste die Außenstellen von Konzentrationslagern auf und trieb die Gefangenen dann in Todesmärschen nach Bergen-Belsen oder Richtung Ostsee. Entkräftete wurden erschossen oder starben am Wegesrand. Am 15. April 1945 befreiten die Briten das KZ Bergen-Belsen. Etwa 40 000 Menschen seien dort 1945 gestorben, davon 14 000 Insassen noch nach der Befreiung an Seuchen und Erschöpfung, schildert Jens-Christian Wagner.

Im Lager Sandbostel bei Bremervörde konnten Tausende Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge am 29. April befreit werden.

Schneller Neubeginn

Das Ende des Nationalsozialismus eröffnete zugleich die Chance auf einen Neubeginn. Schon am 6. Mai gründete der SPD-Politiker Kurt Schumacher in Hannover ein Büro für den Wiederaufbau der Partei. 1946 wurden unter britischer Aufsicht das Land Hannover, Oldenburg, Braunschweig und Schaumburg-Lippe zum Land Niedersachsen vereint. Die Hafenstädte Bremen und Bremerhaven waren Besatzungszone der USA und wurden ein eigenes Bundesland.  tko/dpa

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