„Schüler sind nicht faul“: Göttinger Schülerin wehrt sich mit Essay

Göttingen. Schüler sind faul – das muss sich die Göttinger Schülerin Irene Arbeiter immer wieder anhören. Die 19-Jährige will das allerdings nicht auf sich und ihrer Generation sitzen lassen.

Als vor kurzem ihr Deutschlehrer der gesamten Klasse Faulheit unterstellte, weil einige Schüler ihre Hausaufgaben nicht gemacht hatten, wollte die 19-Jährige diesen Vorwurf nicht mehr auf sich sitzen lassen. Sie schrieb einen Essay, den sie ihrem Lehrer anonym zukommen ließ.

„Warum die Schüler von heute so „faul“ sind“, so der ironische Titel ihres Textes. Arbeiter kritisiert darin, dass der Jugend zu wenig Raum zur Entfaltung gegeben werde, dass die Erwachsenen zu wenig Verständnis für „die Gefühls- und Hormonexplosion in uns“ hätten. Die Schüler von heute müssten „funktionieren (...) wie Maschinen“, sich „stets zu Höchstleistungen aufraffen“ und sich dabei „nebenbei ganz selbstverständlich um Freunde und Schule kümmern“.

Arbeiter sieht ihre Generation in eine Schublade gesteckt. Die Vorwürfe kämen vor allem von Lehrern, aber auch aus dem Familienkreis. Ihren Mitschülern ergehe es nicht anders, und auch Freunde außerhalb der Schule würde dieses ständige Genörgel auf die Nerven gehen.

„Wir Schüler sind nicht faul“, wehrt sich Arbeiter. Die Ansprüche an sie und ihre Mitschüler seien enorm hoch. An einem durchschnittlichen Schultag steht die 19-Jährige um 6.30 Uhr auf. Um 8 Uhr beginnt der Unterricht. Meistens hat sie acht Stunden lang Schule. Danach bekommt sie Nachhilfe, muss Hausaufgaben machen und trifft sich kurz mit Freunden, wenn die Zeit dafür bleibt. Spätestens um 19 Uhr ist sie Zuhause.

Irene Arbeiter. Foto: privat/nh

Nach dem Abendessen erledigt die Schülerin die restlichen Hausaufgaben. „Manchmal kann ich auch ein bisschen lesen. Einfach nur so, für mich“, erzählt sie. Und dann müsse sie auch bald schon schlafen, damit sie am nächsten Tag wieder fit für die Schule ist. „Eigentlich müsste mein Tag 48 Stunden haben, damit ich alles schaffe“, klagt sie. Es bleibe einfach zu wenig Raum zur Entfaltung.

Entfaltung – das bedeutet für sie, mehr Zeit für sich zu haben, um sich finden zu können. Und es bedeutet auch mehr Zeit für andere zu haben. „Uns fehlt einfach ausreichend Freizeit, um Freunde zu treffen oder auch mal Menschen außerhalb der Schule kennenzulernen und damit unseren Horizont zu erweitern“, sagt Arbeiter.

Der Druck, der auf den Schülern laste, beginne schon sehr früh: „Schon von Grundschülern wird verlangt, perfekt mit dem Computer umgehen zu können. Im Grunde beginnt der Leistungsdruck schon im Kindergarten“.

In ihrem Essay schreibt Arbeiter, dass die Schüler von heute nicht einfach mehr jugendlich sein könnten, „weil der Zug in Richtung Zukunft schon abfährt“. Wer es nicht schaffe aufzusteigen, der habe in unserer Gesellschaft keine Chance. Irene Arbeiter wünscht sich vor allem mehr Zeit und mehr Vertrauen in ihre Generation. „Warum könnt ihr nicht einfach mal sagen: ,Wir glauben an euch‘?“, appelliert sie an die Erwachsenen.

Irene Arbeiter hat der HNA ihren Essay zur Verfügung gestellt, in der Hoffnung, eine Debatte zur Situation der Schüler heute auslösen zu können. Diskutieren Sie mit: Sind Schüler heute fauler als früher? Oder stehen sie gar unter einem größeren Leistungsdruck als vorangegangene Generationen? Oder jammern die Jugendlichen von heute einfach zu viel?

Zur Person:

Irene Arbeiter (19) wurde in Madrid (Spanien) geboren. Im Alter von drei Jahren kam sie nach Göttingen. Dort wuchs sie im Ortsteil Nikolausberg auf. Derzeit besucht sie die Berufbildenden Schulen Ritterplan (BBS III) in Göttingen. In ihrer Freizeit liest die Schülerin gern, trifft sich mit Freunden, spielt Fußball und schreibt Gedichte und Texte. Ihr Zukunftstraum ist es, ein Freiwilliges Soziales Jahr in Afrika oder eine Ausbildung zur Erzieherin zu machen.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.