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Nach 25 Jahren: Aus für Göttinger Schuhhandel Frölich – Ausverkauf ab Donnerstag

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Von: Raphael Digiacomo

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Nach 25 Jahren das Aus für Schuhhandel mit Leidenschaft: Das traditionsreiche Fachgeschäft Frölich in Göttingen fällt Online-Handel und Pandemiefolgen zum Opfer.

Göttingen – Ledertypen, Passformen, Sohlendicken und Herstellungsverfahren: Schuhe aus Leidenschaft lautet das Motto von Schuhhändler Bernd Frölich. Wer den 56-Jährigen in seinem Fachgeschäft für Herrenschuhe in der Innenstadt von Göttingen erlebt, weiß auch warum.

Zu jedem der Stiefel, Sneaker und Loafer in seinem Laden kann der gelernte Orthopädieschuhmacher Details nennen und sprüht dabei vor Enthusiasmus. Doch nach 25 Jahren des Bestehens hat sich in der Filiale an der Lange-Geismar-Straße zu der Leidenschaft das Leid fehlender Rentabilität gesellt; das Geschäft wird zum Ende des Jahres schließen.

Göttingen: Traditionsreiches Fachgeschäft Frölich fällt Online-Handel und Pandemiefolgen zum Opfer

Nach 25 Jahren Schuhhandel und persönliche Beratung schließt Schuhmacher Bernd Frölich (56) seine Filiale an der Lange-Geismar-Straße in der Innenstadt.
Nach 25 Jahren Schuhhandel und persönliche Beratung schließt Schuhmacher Bernd Frölich (56) seine Filiale an der Lange-Geismar-Straße in der Innenstadt. © Raphael Digiacomo

Ab Donnerstag (10.11.2022) beginnt derweil der Ausverkauf. „Wir können den Standort in der Göttinger Innenstadt nicht mehr halten“, erklärt Frölich. Zu stark sei die Konkurrenz von Onlineriesen wie Zalando und Folgeerscheinungen der Pandemie. „Viele Herren sitzen nun auch während ihrer Arbeitszeiten im Homeoffice. Dafür brauchen sie keine guten, schicken Schuhe. Pantoffeln tun es da auch.“

Viele Herren sitzen nun im Homeoffice. Dafür brauchen sie keine schicken Schuhe, Pantoffeln tun es auch.

Bernd Frölich

Der Schuhhandel im Netz lohne sich für den Einzelhandel in der Regel nicht – Verpackung und Versand produzieren Kosten, die viele Kunden nicht bereit wären, zu zahlen. „Den meisten Menschen ist nicht bewusst, dass im Online-Handel eine Retourenquote von über 50 Prozent eher Standard als Ausnahme ist.“

50 Prozent Retourenquote sind im Online-Handel eher Standard als Ausnahme.

Bernd Frölich

Frölich setzt bewusst auf persönliche und qualifizierte Beratung statt auf digitalen Massenhandel. „Wir wollen uns für unsere Kunden bewusst Zeit nehmen, sie bestmöglich beraten und im Idealfall mit dem passenden Paar Schuhe auch glücklich machen.“ So kämen zufriedene Kunden oftmals gerne und regelmäßig wieder.

Überzeugter Einzelhändler Bernd Frölich: 25 Jahre Schuhhandel aus Leidenschaft in der Göttinger Innenstadt

„Menschen – vor allem Männer – sind Gewohnheitstiere, auch beim Einkaufen, und brauchen Ankerpunkte.“ Diese werden jedoch im Stadtbild immer seltener, gerade in Göttingen. Der Stadt fehle ein erschwingliches Modehaus, sodass Kunden zum neuen Anzug gleich den passenden Schuh in einem Laden in unmittelbarer Nähe kombinieren könnten.

Unsere drei Filialen in Duderstadt und Bad Lauterberg laufen jedoch gut und werden bestehen bleiben.

Bernd Frölich

„Zu guten Zeiten waren wir 13 Schuhhändler in der Straße – wenige sind geblieben.“ Frölich sei dankbar für die jahrelange Treue der Kunden und bedaure, den Göttinger Laden schließen zu müssen. „Unsere drei Filialen in Duderstadt und Bad Lauterberg laufen jedoch gut und werden bestehen bleiben.“

Die Filiale des Schuhhandels Bernd Frölich in der Lange-Geismar-Straße in Göttingen
Die Filiale des Schuhhandels Bernd Frölich in der Lange-Geismar-Straße in Göttingen schließt Ende des Jahres. © Raphael Digiacomo

Der Schuhhändler bezeichnet sich als überzeugten Einzelhändler und bedaure die Konsequenzen des boomenden Onlinehandels für die Innenstädte. Doch, so konstatiert Frölich, sei der Rückgang von Fachgeschäften ein Verlust für Kunden, Händler und die urbane Vielfalt.

Einzelhandel statt Onlinegeschäft für attraktive Innenstädte und urbane Vielfalt

Gleichwohl sei auch der Online-Handel oftmals ein Zuschussgeschäft. „Zalando hat 14 Kapitalerhöhungen hinter sich“, erklärt der Einzelhändler. „Das heißt, nicht das Unternehmen als solches ist profitabel, sondern die Idee dahinter lässt sich gut verkaufen.“ Frölich will auch in Zukunft beim traditionellen Verkauf bleiben.

„Ich wurde im Schuhkarton geboren und bleibe dem Familiengeschäft treu.“ In diesem arbeiten immerhin 20 Mitarbeiter, die zwei aus der Göttinger Filiale verlassen das Unternehmen.

Wir brauchen mehr als Dönerläden und Pop-Up-Stores; gute Produkte und ehrliche Beratung werden immer relevant bleiben.

Bernd Frölich

Die Hoffnung, dass der Einzelhandel eine Renaissance erlebe, gibt Frölich nicht auf. „Wir brauchen mehr als Dönerläden und Pop-Up-Stores; gute Produkte und ehrliche Beratung werden immer relevant bleiben.“ (Raphael Digiacomo)

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