20 Jahre Verbraucherinsolvenz

Schuldnerberatung bei der AWO: Wenn das Konto leer ist

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Berater am Güterbahnhof: Thomas Bode (links) und AWO-Geschäftsführer Dr. Michael Bonder helfen mit ihren Kollegen, wenn das Geld knapp wird.

Seit 20 Jahren gibt es das Verbraucher-Insolvenzverfahren in Deutschland. Das haben im Landkreis Göttingen-Osterode vergangenes Jahr 378 Personen beantragt. 

Thomas Bode, Schuldnerberater bei der AWO Göttingen und Referent für Schuldnerberatung des AWO-Bezirksverbands Hannover erklärt, wie ein finanzieller Neustart gelingt.

Herr Bode, wie kommen Menschen in Schulden?

In unserer Gesellschaft hat alles mit Geld zu tun. Schulden gibt es in allen gesellschaftlichen Schichten, von Obdachlosen bis Professoren. Junge Menschen haben oft Handy-Schulden, Studenten müssen ihr BAföG-Darlehen zurückzahlen. Arbeitslosigkeit, Krankheit oder eine Trennung können Schulden verursachen. Die Leute kommen freiwillig zu uns in die Beratung, meist wenn es dringend ist – zum Beispiel der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht oder sogar manchmal auch erst, wenn sie kurz davor stehen ihre Wohnung zu verlieren.

Wie helfen Sie Verschuldeten weiter?

Es gibt vier Wege, mit dem Schuldenberg umzugehen. Eine ist die Privatinsolvenz, das ist der letzte Ausweg. Es gibt aber auch die Möglichkeit, einen Vergleich zu verhandeln oder umzuschulden. Und natürlich ist es auch möglich, mit den Schulden zu leben und sie nach und nach abzuzahlen.

Wie kommt man in das Insolvenzverfahren?

Es gibt fünf Schritte ins Verfahren zu kommen. Zunächst muss man eine Liste über seine Gläubiger schreiben. Bei denen fragt man die aktuelle Förderungshöhe an. Als dritter Schritt versucht man, sich außergerichtlich zu einigen, um eine Insolvenz zu vermeiden. Hierfür braucht man die Hilfe von einer Beratung. Wenn das scheitert, erhalten Verschuldete eine Bescheinigung von uns, mit der sie einen Insolvenzantrag ausfüllen können. Als letzter Schritt geht dieser Antrag ans Gericht. Wenn die Verschuldeten gut organisiert sind, ist dieser Prozess in eineinhalb Monaten zu schaffen.

Wie läuft das Insolvenzverfahren ab?

Wenn man in drei Jahren 35 Prozent der Schulden plus die Gerichtskosten zurückzahlen kann, wird einem der Rest der Schulden erlassen. Das schaffen ein Prozent der Insolventen. Dann gibt es noch die Möglichkeit, innerhalb von fünf Jahren nur die Gerichtskosten zurückzahlen. Wenn man nach sechs Jahren nichts zurückzahlen kann, werden alle Schulden erlassen.

Was verändert sich für einen Menschen, wenn er im Insolvenzverfahren ist?

Das ist immer erstaunlich. Die Perspektive verändert sich, man wird handlungsfähiger, lebt auf. Was sich zunächst nicht ändert, ist die finanzielle Situation. Das Vermögen und der pfändbare Teil des Einkommens gehen an den Gläubiger. Es gibt auch Regeln. Unter anderem muss man dem Gericht immer seinen Wohnort mitteilen, um erreichbar zu sein. Und man muss sein Einkommen offen legen.

Hat eine Privatinsolvenz Auswirkungen auf die Gesellschaft?

Seit 1999 haben 1,4 Millionen Menschen in Deutschland ein Insolvenz-Verfahren durchlaufen. Etwa 95 Prozent sind danach schuldenfrei. Davon profitiert die Gesamtgesellschaft. Denn wären sie verschuldet, könnten sie nicht mehr als Konsumenten mitwirken. Und ähnlich wie etwa Arbeitslosigkeit führen Schulden dazu, dass sich Menschen desintegrieren. Also trägt eine Schuldnerberatung auch immer zur Reintegration in unsere Gesellschaft bei.

Auf EU-Ebene sollen diese Verfahren angeglichen werden. Was ändert sich dadurch in Deutschland?

Es soll eine Höchstdauer in ganz Europa für drei Jahre geben. Deutschen scheint das meist viel zu kurz zu sein. Etwa in Frankreich oder in England sind die Verfahren schon heute teilweise sehr viel kürzer. Im Extremfall kann man in Frankreich nach 3 Monaten seine Schuldenfreiheit erlangen. Wie und vor allem wann die Beschlüsse auf EU Ebene umgesetzt werden, ist abzuwarten. Es bleibt also spannend.

Die Schulden- und Involvenzberatung der AWO ist kostenlos.

Kontakt: Jutta-Limbach-Straße 3, 37073 Göttingen. Tel. 0551/500 91 30. Außenstelle in Hann. Münden: Friedrich-Ludwig-Jahn-Straße 2-6, Tel. 05541/47 39.

Weitere Infos gibt es hier.

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