Schwaches Herz ist schlecht fürs Hirn

Göttinger Forscher finden Hinweise auf Herzschwäche-Folgen für das Gedächtnis

Hinter mehreren Schildern ist ein großes Gebäude zu sehen.
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Eng beieinander: Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DNZE) arbeiten eng zusammen – hier der Neubau des DNZE in der Von-Siebold-Straße 3a.

Ist das Herz schwach, hat das Auswirkungen auf das Gehirn und Gedächtnis. Solche Vermutungen und Erfahrungen hatte es bereits gegeben. Forscher haben sie jetzt nachgewiesen.

Göttingen – Menschen mit massiven Herzproblemen kennen das: Ist das Herz schwach, hat das Auswirkungen auf das Gehirn und Gedächtnis. Hypothesen, Vermutungen, Erfahrungen diesbezüglich gibt es in der Forschung.

Jetzt haben Forscher der in Göttingen eng vernetzten Einrichtungen Universitätsmedizin (UMG) und Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DNZE) im Labor nachgewiesen: Herzprobleme verursachen eine gestörte Genaktivität in der Gedächtniszentrale des Gehirns, und daraus können sich kognitive Einbußen entwickeln, also beim Denken und Wahrnehmen.

Vier Millionen Menschen mit Herzschwäche in Deutschland

Die scheinbar negative Nachricht könnte aber auch ein Schritt nach vorne bedeuten, ja Hoffnungen machen: Die Forscher sehen darin Ansatzpunkte für Therapien, die vielen Menschen helfen könnten, denn allein in Deutschland sind etwa vier Millionen Menschen von Herzinsuffizienz betroffen.

Die Forschenden um die leitenden Professoren André Fischer (DNZE) und Karl Toischer (UMG) gehen nach den Laborversuchen auch davon aus, eine Ursache gefunden haben, warum Menschen mit Herzproblemen ein größeres Demenzrisiko haben.

Prof. André Fischer, Herzforscher UMG.

Dieses erhöhte Risiko für eine Alzheimer-Erkrankung und mögliche kognitive Defizite resultiert aus einer schlechteren Blutversorgung des Gehirns und aus Störungen des Hippocampus, der Gedächtnis-Schaltzentrale, wie André Fischer erläutert. „Es fehlen aber Therapien, um kognitive Defizite bei Menschen mit Herzproblemen wirksam zu behandeln.“

Prof. Karl Toischer, Herzforscher UMG.

Bislang gab es nämlich keine Daten darüber, welche Fehlfunktionen in den Nervenzellen überhaupt ausgelöst werden – also die Ursache.

Stresssignale und veränderte Genaktivität am Hippocampus

Jetzt präsentieren Fischer und der Herzspezialist Karl Toischer von der UMG erstmals Befunde. Die Forscher des Teams beobachteten bei Mäusen mit Herzproblemen eine Beeinträchtigung der Genaktivität im Hippocampus.

Bei Gedächtnistests schnitten Mäuse mit Herzschwäche deutlich schlechter ab, als gesunde Artgenossen, wie Fischer berichtet. Also untersuchten die Forscher die Nervenzellen im Hippocampus und entdeckten, in den Nervenzellen der kranken Mäuse mehr Stresssignale und eine veränderte Genaktivität.

Mehr noch: Diese Mäuse wiesen eine engere Wicklung der DNA in Nervenzellen auf, dadurch waren bestimmte Gene, die wichtig für die Hippocampus-Funktion sind, weniger aktiv als bei gesunden Mäusen.

Hinweise auf molekulare Vorgänge und Therapie-Ansatzpunkte

Verantwortlich für die engere DNA-Wicklung sind laut der Göttinger chemische Veränderungen an Eiweißstoffen, Histonen. Und mit diesen befassen sich Fischer und Co. schon intensiv und seit längerem, vor allem auch in Bezug auf Wirkstoffe, die die genetischen oder altersbedingten Gedächtnisprobleme lindern können.

So wird am DNZE mittlerweile bereits das Krebsmedikament Vorinostat für die Therapie von Menschen mit Alzheimer erprobt.

Die Forscher verabreichten den Wirkstoff auch den herzkranken Mäusen, mit dem Ergebnis: Die Pumpleistung des Mäuseherzens änderte sich nicht wesentlich, dafür aber die Gedächtnisleistung.

Die Studie zeigt also mögliche Ansatzpunkte für eine Therapie, vor allem aber gibt sie Hinweise auf die molekularen Vorgänge, die bei Herzschwäche zu Gedächtnisstörungen führen.

Grund für Störung der Genaktivität ist noch unklar

André Fischer bremst aber euphorische Erwartungen: „Tatsache ist aber, dass wir noch nicht verstehen, warum infolge der Herzinsuffizienz die Genaktivität im Hippocoampus gestört ist. Das wollen wir an Patienten mit Herzproblemen untersuchen.“

Und dann werden wieder Experten aus den Neurowissenschaften und Herzforscher zusammen dabei sein, aus der UMG und dem DNZE. (Thomas Kopietz)

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