1. Startseite
  2. Lokales
  3. Göttingen
  4. Göttingen

Oben-Ohne-Regel im Schwimmbad: Es geht um weit mehr als Nackt-Baden

Erstellt:

Von: Thomas Kopietz

Kommentare

In Göttinger Schwimmbäder dürfen Frauen nun am Wochenende oberkörperfrei baden. Der Oben-Ohne-Spaß gilt jedoch zunächst nur bis einschließlich August.

Göttingen/Hannover – Göttingen schwimmt voran: Alle Menschen dürfen seit Sonntag (01.05.2022) in den städtischen Schwimmbädern, also den Freibädern und dem Badeparadies Eiswiese, obenrum die Hüllen fallen lassen. Das sorgt für Diskussionen weit über die traditionsreiche Uni-Stadt hinaus. Zeitlich ist die neue Offenheit aber begrenzt: Die Göttinger Schwimmbadkultur gilt nach Beschluss des Sportausschusses nur am Wochenende, samstags und sonntags – und testweise bis August.

Bisher galt auch im fortschrittlichen Göttingen das, was fast überall in Deutschlands Schwimmbädern – im Gegensatz zu draußen – Vorschrift ist: Die primären Geschlechtsmerkmale – Penis und Vulva – und die sekundären Geschlechtsmerkmale – die weibliche Brust – müssen bedeckt werden. Im Kern ging es letztlich um die allzu verständliche Frage: Warum darf denn die männliche Brust zu sehen sein, die weibliche aber nicht?

In Göttingen dürfen Frauen am Wochenende in Schwimmbädern oberkörperfrei baden

Diese Frage stellen sich viele in Deutschland, wo sich mehr und mehr Bewegungen gründen, die ein Oben-ohne-Recht für alle Menschen fordern – zumindest für die Orte, an denen sich auch Männer mit nacktem Oberkörper zeigen dürfen. Sie fordern Geschlechtergerechtigkeit und die Entsexualisierung des weiblichen Körpers. Auch in Berlin wurde 2021 gegen Verbote in Parks protestiert.

Wenn die Hüllen in Schwimmbädern fallen: In Göttingen gilt seit Mai eine neue Badeordnung – Frauen können sich dort oben-ohne bewegen – aber nur an Wochenenden.
Wenn die Hüllen in Schwimmbädern fallen: In Göttingen gilt seit Mai eine neue Badeordnung – Frauen können sich dort oben-ohne bewegen – aber nur an Wochenenden. (Symbolbild) © Annette Riedl/dpa

Bekleidungsvorschriften haben Tradition: Im vergangenen Jahrhundert wurde Frauen per Regelung vorgeschrieben, wie sie sich beim Baden zu kleiden haben. Der „Zwickelerlass“ von 1932 besagte, dass Frauen nur dann öffentlich baden durften, wenn sie einen Badeanzug trugen, der Brust und Leib an der Vorderseite des Oberkörpers vollständig bedeckte und unter den Armen fest anlag.

In den 50er und 60er Jahren gab es Bikini-Verbote in Bädern oder an Stränden, die erst in den 60er-Jahren im Zuge der Studentenbewegung und der damit einhergehenden sexuellen Befreiung aufgehoben wurden. 90 Jahre später fallen nun zumindest in Göttinger Bädern an Wochenenden fast alle Hüllen.

Oben-Ohne-Baden in Göttingen: Eine Frage der Gleichberechtigung

Gekämpft dafür haben in Göttingen die Frauen. Voran ging „Mina Berger“, der Name steht für eine anonym bleibende Aktivistin, und das feministische Göttinger Bündnis „Gleiche Brust für alle“. Auslöser war, dass Berger sich im August 2021 im Badeparadies Eiswiese das Bikini-Oberteil auszog. „Das hat sich gut angefühlt zu merken: Ich fühle mich einfach wohler, wenn ich nicht dieses Oberteil an meinem Körper kleben habe.“

Berger bezeichnet sich selbst als non-binär, identifiziert sich also weder als Frau noch als Mann. Die Mitarbeiter im Schwimmbad aber sahen sie als Frau an und erteilten einen Verweis sowie ein Hausverbot wegen Oben-ohne-Badens. Das ging durch die Medien, sorgte für Aufsehen, hitzige Debatten in sozialen Netzwerken – inklusive der üblichen Beleidigungen – aber auch für ernsthafte Diskussionen, die am Ende zielführend waren.

Doch wie kommt die neue Regelung in Göttingen an? Schon am ersten Geltungstag habe er den Eindruck, dass „ungewöhnlich viele Badegäste“ in die Bäder kommen, sagte Andreas Gruber, Geschäftsführer der Göttinger Sport und Freizeit GmbH (GöSF), am Sonntag. Es gebe viel positives Feedback und von der Möglichkeit des Oben-ohne-Badens werde seinen Informationen zufolge auch Gebrauch gemacht. „Verständlicherweise aber eher zurückhaltend“, sagte Gruber mit Blick auf das große öffentliche Interesse an der Entwicklung in Göttingen.

Eine Frage des Prinzips: Sexualisierung der Brust entgegenwirken

Von außen gibt es viel Zustimmung: „Auf längere Sicht erachten wir es als sinnvoll, wenn mehrere Schwimmbäder ähnliche Regelungen aufnehmen, um der Sexualisierung nicht-flacher Brüste entgegenzutreten“, sagt der Geschäftsführer des Queeren Netzwerks Niedersachsen, Nico Kerski. „Es gibt keinen guten Grund, warum die als weiblich verstandene Brust stark sexualisiert wird und entsprechend verdeckt werden muss.“

Entscheidungsort: Ein „Vorfall“ im Göttinger Badeparadies Eiswiese 2021 gab den Ausschlag für die Neuregelung der Badeordnung.
Entscheidungsort: Ein „Vorfall“ im Göttinger Badeparadies Eiswiese 2021 gab den Ausschlag für die Neuregelung der Badeordnung. © Thomas Kopietz

Aber in den sozialen Medien gibt es auch kritische Stimmen. Eine Nutzerin spricht vom „Gendergaga Endstadium“. Ein Kommentator fragt zynisch, ob Männer jetzt unter der Woche Badeanzüge oder Bikinitops tragen müssten. Im Sportausschuss des Rates der Stadt, der über die neue Regel entschied, gab es nach Angaben der Gleichstellungsbeauftragten Christine Müller Stimmen, die sagten: „Wir müssen auf unsere Menschen mit Migrationsgeschichte Rücksicht nehmen.“

Oben-Ohne-Baden zunächst als Testlauf in Göttingen von Mai bis August geplant

Mina Berger hingegen glaubt, dass es unabhängig von Geschlecht, Alter oder Herkunft für alle Menschen als etwas Normales angesehen werden könnte, nackte Brüste in der Öffentlichkeit zu sehen. Der Blick der anderen sei das Problem, nicht die Nacktheit an sich.

Neu ab 1. Mai: Die Badeordnung-Ergänzung am Eingang zum Göttinger Badeparadies Eiswiese.
Neu ab 1. Mai: Die Badeordnung-Ergänzung am Eingang zum Göttinger Badeparadies Eiswiese. © Swen Pförtner/dpa

Die neue Regelung gilt vorerst bis Ende August. Dem Göttinger Bündnis „Gleiche Brust für alle“ geht die Änderung der Badeordnung aber nicht weit genug. „Wir sind nicht damit zufrieden, dass es Gleichberechtigung nur am Wochenende geben soll“, sagte eine Sprecherin, der das Göttinger Schwimmbad „Eiswiese“ im August 2021 Hausverbot erteilt hatte, weil sie sich geweigert hatte, ihre Brust zu bedecken. Dennoch erhoffe sich das Bündnis von der neuen Regelung überregionale Signalwirkung.

PS: Auch Nacktbaden hatte und hat in Deutschland Tradition – so auch in der ehemaligen DDR. Ob auf Sylt, in Rostock oder am Chiemsee – sobald das Wetter es zulässt, lassen Menschen an FKK-Stränden ihre Hüllen fallen. (tko/epd/lni)

Auch interessant

Kommentare