Neue Inszenierung

Sexparty gegen den Ehefrust im Theater im OP in Göttingen

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Verdrängte Wünsche und Zweifel: Fabio Rocchio spielt den Fridolin in der „Traumnovelle“ des ThOP.

Mit „Traumnovelle“ nach Arthur Schnitzler ist dem Göttinger Theater im OP eine packende Inszenierung gelungen. Doch aufgepasst: Für manche Vorstellungen sind nur noch Restkarten zu haben.

Eine Frau und ein Mann wollen zu Bett gehen. Es ist ruhig – nichts, was sie aufhalten könnte. Doch die Frau, Albertine, plagt ein schlechtes Gewissen. In ihrem Urlaub hat sie sich verliebt, Katapult für erotische Fantasien. Ihr Mann Fridolin gesteht ihr ein ähnliches Erlebnis. Bei der Aussprache wird der Arzt zu einem Notfall gerufen. Die Tochter des Patienten gesteht ihm ihre Liebe. Nur das Eintreffen ihres Verlobten verhindert, dass die beiden einander näher kommen. Angetriggert durch das Erlebte folgt Fridolin seinen nicht ausgelebten Wünschen auf einen Streifzug durch die Unterwelten.

In etwas mehr als zwei Stunden ohne Pause zieht Regisseurin Marni Morgenstern (Adaption für die Bühne) die Zuschauer in ein wildes Abenteuer. Auf der von gut gefüllten Bänken eingerahmten Guckkastenbühne steht zunächst nichts als ein großes Bett – Symbol für die Ehe. Mit schnellen Handgriffen ist es teilbar, kann zum Podest bei der Feier von Kulthandlungen werden – das ist nicht nur praktisch, sondern stellt außerdem die Institution Ehe auch bildlich in Frage.

Trotz der kargen Ausstattung gelingt es dem Ensemble, durch sein Spiel und die Kostüme die Orte des Geschehens klar zu zeigen. An der Straße trifft Fridolin auf Prostituierte, eine nimmt ihn mit in ihr Zimmer. Zum Kostümverleih wird die Galerie. Türsteher mit Vogelmaske gewähren Fridolin Einlass zu der Kultfeier, bei der sein Bekannter Nachtigall auflegt.

Engagiert und intensiv haben die mehr als 30 Darsteller – unmöglich, alle namentlich zu nennen – in ihre jeweiligen Rollen gefunden. Erhaben und gebieterisch wirken die Maskierten, die die Kultfeier bewachen. Janusköpfig – Sonne und Mond – ist ihr Gebieter. Fahrig nuttig bewegen sich die Prostituierten. Mit Weste, Pferdeschwanz und großem Ohrring zeigt sich Nachtigall als Macher, der sich auch auf der dunkleren Seite der Gesellschaft auskennt. Mit hautfarbenen, bemalten Suits wird die Nacktheit bei der Sexorgie eingefangen.

Das mit der Ehe kämpfende Paar ist die verbindende Klammer für die ausschweifende Handlung. Yasemin Dittmann gelingt es überzeugend, in die Haut der frustrierten Ehefrau zu schlüpfen.

Auch Fabio Rocchio hat sehr gut in die Rolle ihres Ehemanns Fridolin gefunden. Immer wieder werden seine Zweifel greifbar: Ist sein Ausflug zu seinen verdrängten Wünschen richtig?

Dem ThOP ist eine dichte Vorstellung gelungen. Einige Straffungen, zum Beispiel bei der nicht enden wollenden Sexparty, hätten dem Durchmarsch gutgetan.

Weitere Termine am 25.1. (nur noch Restkarten an der Abendkasse) und am 27.1., mehr unter theater-im-op.de. Kartentel. 0551/397077.

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