Demokratieforschung

So ticken die Niedersachsen: Neue Studie von Göttinger Demokratieforschern

Porträt der Demokratieforscherin Dr. Katharina Trittel
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Demokratieforscherin: Dr. Katharina Trittel

Die Forscher des Göttinger Instituts für Demokratieforschung wollten mit der Studie „Die ungeschriebene Verfassung der Niedersachsen“ herausfinden, wie die Menschen hier so ticken.

Göttingen - Die Wissenschaftler hörten deshalb in Diskussionen zu, hinterfragten Ansichten und Meinungen von Menschen im Raum Weser-Ems (Osnabrück und Oldenburg) sowie in Süd-Ost-Niedersachsen (Braunschweig/Salzgitter).

Ihr Fazit: Die Menschen zeichnet eine hohe Lebenszufriedenheit aus, sie vertrauen in das demokratische System, blicken gleichwohl aber skeptisch und distanziert auf Parteien, Politiker, Lobbystrukturen und Klüngelei, beklagen Ungerechtigkeiten im Land. Anfällig für radikale Strömungen sind sie – aktuell – dennoch kaum.

Grundsätzlich wünschen sich die Niedersachsen laut Studie einen starken, funktionsfähigen Staat, der die Ordnung sicherstellt – und deshalb ist man demgegenüber loyal eingestellt. „Dieses Ergebnis unserer Vor-Corona-Studie zeigt sich auch während der Krise“, sagt die Politologin Katharina Trittel. In Niedersachsen war demnach eine große Mehrheit zufrieden mit dem Krisenmanagement der rot-schwarzen Landesregierung – jedenfalls in den ersten Monaten.

Aber auch dort wünschen sich die Menschen das alte Modell des sozialen Friedens – eine „befriedete Parteienlandschaft und Öffentlichkeit“, wie sie letztlich die klassischen Volksparteien abbilden. Konflikte und heftige Auseinandersetzungen – auch in Parlamenten – mögen die meisten aus den Fokusgruppen nicht, sehen dies und eine Profilierungssucht als Quell von Unruhe und Konflikt.

So punkten aggressive Politiker nur selten, wie Julian Schenke vom Institut für Demokratieforschung sagt: „Diese AfD-Politiker haben kaum Chancen.“ Viele aus den Fokusgruppen sprechen der AfD höchstens eine formale Berechtigung zu und lehnen die AfD vehement ab, solange diese als Sammelbecken zwielichtiger Outsider erscheint, welche die durch eine gewohnte staatliche Institution gestützte Ordnung in Frage stellen, heißt es in der Studie. Aber auch: Sollte das aktuell unwahrscheinliche Szenario einer AfD-Regierungsbeteiligung in Bund und Land eintreten, wäre ein rascher Stimmungswandel zumindest in Niedersachsen nicht auszuschließen.“

Latente Unzufriedenheit

Gleichwohl gebe es ein Potenzial, was radikalen Parteien Zulauf bringen könnte: Eine latent vorhandene Unzufriedenheit der Menschen – die stärker ausgeprägt ist im Raum Salzgitter-Braunschweig. „In der Diskussion in Oldenburg waren alle zunächst zufrieden, später kamen kleine Probleme hervor“, berichtet Katharina Trittel über die Erkenntnisse in der „Zufriedenheitsstadt Nummer eins“, Oldenburg.

Gar nicht mögen viele der Befragten in beiden Regionen gesamtgesellschaftliche Ungerechtigkeit. Eine wütend geäußerte moralische Pauschalkritik am gesellschaftlichen wie politischen System hat oft seine Gründe im privaten Umfeld und kleinbürgerlichen Denken.

Verschwörungstheoretiker werden oft sogar verspottet, gleichzeitig aber ist man gegen mächtige Netzwerke aus Macht und Geld, die die Gesellschaft zu beherrschen scheinen – gegen die sich wiederum aber auch die Verschwörer stellen.

Und sie legen großen Wert auf Familien- und Vereinsleben. Letzteres ruht seit gut einem Jahr in der Pandemie weitgehend. Und die Niedersachsen an Weser-Ems und Braunschweig/Salzgitter schätzen das Kleinstädtische – selbst in den genannten Großstädten, wie die Politologin Katharina Trittel bilanziert. „Das ist zurückzuführen auf die Wahrnehmung und den Wunsch, auch in einer Stadt letztlich in einem großen Dorf leben zu wollen.“

Und Julian Schenke ergänzt: „Überhaupt wird mit Großstadt Negatives verknüpft, wie Dreck und Kriminalität.“ Da sehe man stattdessen die eigene Großstadt, ob Braunschweig, Osnabrück oder Oldenburg, schon lieber als großes und liebenswertes Dorf, man sehne sich förmlich nach „gemeinschaftsstiftender Dörflichkeit“, wie es heißt.

Demokratieforscher: Julian Schenke

Während Oldenburg und Salzgitter – jede Stadt auf ihre und unterschiedliche Weise – als starke Identifikationsanker zu fungieren scheinen, fällt das Verhältnis der Osnabrücker und Braunschweiger zu ihrer Stadt eher kühl und distanziert (allerdings auch nicht unbedingt kritisch) aus.

Die Göttinger Forscher um Trittel und Schenke jedenfalls sehen durchaus Konfliktpotenzial und mögliche Veränderungen in dem momentan scheinbar zufrieden-stabilen Stimmungsbild der Menschen in den beiden Regionen.

Es komme daher darauf an, das empirische Wissen zur politischen Kultur Niedersachsens turnusmäßig zu aktualisieren und zu deuten. (Thomas Kopietz)

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