Touchdown auf dem Kometen

Landung der Raumsonde Rosetta: Interview mit einem Wissenschaftler

Hier wird Philae am Mittwoch, 12. November, landen: Der Landeplatz liegt auf dem Kopf des Kometen, der aus zwei scheinbar zusammengefügten Teilen besteht. Die Oberfläche weist Unebenheiten auf. Foto: ESA/nh

Göttingen. Mittwoch, 12. November, 16.38 Uhr MEZ, plus-minus 20 Minuten: Das ist das Zeitfenster für den lang ersehnten Touchdown der Landefähre Philae auf dem Kometen „Tschuri“ – 67P/Churyumov/Gerasimenko. Über dieses Ereignis sprachen wir mit Wissenschaftler Hermann Bönhardt.

Es soll ein sanfter und erfolgreicher Touchdown werden, wie sich der Göttinger Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung wünscht. Er ist einer der beiden wissenschftlichen Leiter für die Landemission auf dem Tschuri-Kometen.

Herr Böhnhardt, sind sie nervös? 

Hermann Bönhardt: Noch nicht, aber die Spannung steigt. Wir spielen immer wieder die Operation Landung durch, rechnen neu. Es bleibt aber trotzdem Unberechenbares.

Worin liegen denn die Unwägbarkeiten? 

Böhnhardt: Der Komet sieht doch anders aus, als wir erwarten haben. Er besteht praktisch aus zwei zusammenhängenden Teilen, manche sagen, er erinnert an eine Spiel-Entchen. Die Fotos, die Osiris liefert, zeigen auch eine unerwartete Oberflächenbeschaffenheit als erwartet: Wir Forscher gingen seit früheren Missionen davon aus, dass es ein fester Untergrund ist. Das muss aber nicht so sein.

Wie könnte der Boden beschaffen sein? 

Böhnhardt: Es kann sein, dass die Churyumov-Gerasimenko-Oberfläche von einer dicken Staubschicht bedeckt ist. Der Boden kann aber auch brüchig sein, der Lander könnte also teilweise einsinken.

Gibt es weitere Unsicherheiten? 

Böhnhardt: Die natürlichen Risiken: Die Landung wird auf einem Areal von etwa 500 Meter Durchmesser erfolgen. Die Fotos des Landeareals zeigen, dass es keine komplett ebene Landefläche ist, es gibt Klippen, es liegen Gesteinsbrocken umher. Der Lander könnte an solchen Stellen umkippen oder mit einer Neigung stehen bleiben; das könnte zum Beispiel Nachteile beim Aufladen der Batterien haben oder schlecht für die Kommunikation sein und das Übermitteln der Ergebnisse beeinträchtigen oder im schlimmsten Fall sogar ganz unmöglich machen.

„Der Boden kann brüchig sein, der Lander könnte also teilweise einsinken.“

Leider konnten wir kein Gebiet auf dem Kometenkern finden, das besser für unsere Landung geeignet ist. Wir sind aber trotzdem zuversichtlich, dass alles glatt läuft. Und das beruht nicht nur auf Wunschdenken, sondern auf wissenschaftlichen und technischen Untersuchungen und Analysen.

Da sind auch noch die besonderen Bedingungen auf 67P...

Böhnhardt: Ja, es gibt fast keine Gravitation. Der knapp 100 Kilogramm schwere Lander wiegt dort nur wenige Gramm. Eine Steuerdüse wird ihn leicht auf den hoffentlich ebenen Boden drücken.

Würden Sie mit dem heutigen Wissen die Sonde anders konzipieren? Die Entwicklung begann bereits 1992. 

Böhnhardt: Man würde natürlich etwas verändern, die Ingenieure, aber auch wir Wissenschaftler denken so. Es gibt andere Materialien, das Wissen über die Kometenbeschaffenheit ist ausgeprägter. Nur ein Beispiel: Bei den Speichermedien sind wir doch knapp bestückt. Deshalb müssen die gewonnenen Daten aus Experimenten und Messungen schnell übermittelt werden, damit wieder freie Kapazitäten entstehen. Aber wie gesagt, man darf nicht vergessen, dass die Bedingungen vor dem Start vor zehn Jahren ganz andere als heute waren. Denken wir an die Leistungsfähigkeit von Fotokameras und Rechnern.

Wo werden Sie am Mittwoch, 12. November, sein? 

Böhnhardt: In Köln, beim DLR, wo die Landemission zentral geleitet wird. Wir entscheiden dort im Lander-Team unter Leitung des Projekt-Managers notfalls auch über notwendige Korrekturen.

Von Thomas Kopietz

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.