Sonderausstellung in BBS 2 in Göttingen

Humor als letzter Ausweg: Karikaturen gegen die NS-Herrschaft

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Führung durch die Sonderausstellung: Roland Zeyen von der Geschichtswerkstatt Duderstadt zeigt dabei auch, wie eine Hitler-Karikatur zur Staatsaffäre werden konnte.

Göttingen. In Göttingen läuft noch bis zum 31. Januar eine beeindruckende Sonderausstellung zum Thema "Karikaturen gegen die NS-Herrschaft in Luxemburg".

Es geht um ein sehr kleines Land, in dem es keinen organisierten Widerstand gegen den Einmarsch der deutschen Truppen im Zweiten Weltkrieg gab, und trotzdem zeigt die Sonderausstellung „Spott dem Naziregime – Karikaturen gegen die NS-Herrschaft in Luxemburg“ beispielhaft, wie kreativ, vorausblickend und mutig der Widerstand gegen den Nationalsozialismus sein konnte.

Die Sonderausstellung ist noch bis zum 31. Januar in der Dauerausstellung „Auf der Spur europäischer Zwangsarbeit. Südniedersachsen 1939 bis 1945“ zu sehen. Die luxemburgische Sonderausstellung ist in diesem Jahr auch Teil der Reihe „Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus“.

Die Verbindung zum „Musée National de la Résistance“ in Esch-sur-Alzette, wo die Ausstellung normalerweise beheimatet ist, stellte der Verein „NS-Familiengeschichte“ her. Die Karikaturen, die gezeigt werden, erschienen im „Escher Tageblatt“, einer sozialistischen Tageszeitung – und zwar bereits ab Anfang der 1930er Jahre.

Warum die Ausstellung nun gerade in Göttingen zu Gast ist, erklärt Roland Zeyen von der Geschichtswerkstatt Duderstadt: So war Bruno Karl August Jung (* 1886), Göttinger Oberbürgermeister zwischen 1926 und 1938, von 1941 bis 1944 Landrat im von den Nazis besetzten Esch. 1932 war Jung Honorarprofessor an der Uni geworden und 1937 in die NSDAP eingetreten. In Esch war er für die völkerrechtswidrige Zwangsrekrutierung von Luxemburgern für die Wehrmacht verantwortlich. Trotzdem wurde er 1961 zum Ehrenbürger der Stadt Göttingen ernannt.

Auch Zeyen hat familiäre Beziehungen in diese Gegend. Sein Vater stammte aus dem deutschsprachigen Teil Ostbelgiens (ehemals Eupen-Malmédy), direkt an der Grenze zu Luxemburg. Als die Nazis in Belgien einmarschierten, sei sein Vater zur Wehrmacht übergelaufen.

Zeyen hat sich intensiv mit der Sonderausstellung auseinandergesetzt. Bei der zweiten von drei öffentlichen Führungen mit Diskussion – die letzte ist am Sonntag, 20. Januar, um 14 Uhr – sind auch Verdi-Mitglieder dabei. In der Reihe „After Work Bildung“ lassen sie sich von Zeyen die Ausstellung erklären.

Der Historiker beginnt seine Führung mit einem Zitat eines KZ-Häftlings aus dem Buch „... et wor alles net esou einfach. Zehn Fragen an die Geschichte Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg.“ Es zeigt, dass Humor vielleicht die beste Methode war, um mit den selbsterfahrenen Gräuel der Nazis umgehen zu können: „Im Unglück muss man lachen, denn Humor ist das, was übrig bleibt, wenn man alles verloren hat. Er vermag die unfassbare Wirklichkeit psychologisch zu transzendieren und erlaubt es, die Würde des Menschseins zu behalten. Angesichts der Barberei war das Lachen die geniale, todesmutige Antwort derjenigen, denen Hitler jedes Menschsein absprechen wollte.“

Gang durch die Ausstellung

Beim Gang durch die Ausstellung wird schnell klar: Politische Karikaturen spielten beim Widerstand gegen den Nationalsozialismus eine große Rolle, auch in anderen Ländern. Heute noch erhältlich ist etwa die Satire „Struwwelhitler“ verfasst von einem gewissen Dr. Schrecklichkeit Anfang der 1940er Jahre in England. Im weiteren Verlauf konzentriert sich aber alles auf die Situation in Luxemburg. 

Neben den Karikaturen von Albert Simon, die seit 1933 fast täglich erschienen, wird auch die generelle politische Situation dargestellt. Luxemburg feierte 1939 seinen 100-jährigen Geburtstag als unabhängiger und neutraler Staat. Und diese Neutralität war laut Zeyen oberstes Prinzip des kleinen Landes. Aus Angst diese zu verlieren, und auch aufgrund der Nähe zu Deutschland und einer gemeinsamen Geschichte, war die luxemburgische Politik in den 1930er Jahren teilweise davon geprägt, deutsche Gesetze – wie etwa eine Abwandlung der Nürnberger Rassegesetze, zu übernehmen. 

Weil es keine Garantien für Luxemburgs Souveränität von französischer oder britischer Seite gab, habe das Land auf diese Weise „krampfhaft versucht, seine Neutralität zu wahren“, erklärte Zeyen. Und auch Antisemitismus gab es in Luxemburg vor dem Einmarsch der Deutschen 1940. Dieser sei auch von der katholischen Kirche befeuert worden, wie Zeyen anhand von Karikaturen aus dem Escher Tageblatt zeigte. 

Auf der anderen Seite war der prägende luxemburgische Politiker dieser Zeit, Joseph, genannt „Josi“, Beck (zwischen 1926 und 1959 stets Ministerpräsident oder Außenminister) immer darauf bedacht, den Einfluss des östlichen Nachbarn auf seinen Staat so gering wie möglich zu halten. Davon zeugen etliche Karikaturen, die Bech als Verteidiger gegen Hitler, als „Aufpasser“ an der Grenze darstellen. 

Hitler wird meist als böses Tier dargestellt, das von Josi in Schach gehalten wird. In diesem Zusammenhang spielt auch immer wieder die Mosel als Grenzfluss eine große Rolle in Simons Karikaturen. Eine Darstellung, die das Escher Tageblatt von einem bekannten französischen Karikaturisten übernommen hatte, sorgte sogar für eine Staatsaffäre zwischen Luxemburg und dem Deutschen Reich. Obwohl die Ausstellung nur einen kleinen Ausschnitt der Karikaturen zeigt, geben sie einen umfassenden Einblick über den Umgang mit den Nationalsozilisten in den 1930er Jahren. Nachdem Luxemburg von den Nazis besetzt war, verlagerte sich der Protest in den Untergrund. Auch das wird in der Sonderausstellung gezeigt. 

Allerdings habe es keine breite Front eines organisierten Widerstandes gegen die Deutschen gegeben, wie Zeyen erläutert. Trotzdem fanden sich Untergrund-Druckereien, die Flugblätter oder Plakate unter einfachsten Bedingungen herstellten. Neben den Karikaturen spielten nun Flüsterwitze oder auch Zeichnungen und Texte an Fassaden eine große Rolle. (ana)

Hintergrund

Die Reihe After Work Bildung wird vom Bildungswerk Verdi und der Gewerkschaft Verdi gemeinsam angeboten. „Es geht darum, die berufliche oder private Lebensgestaltung zu erleichtern oder sie zu verändern“, sagt Regina Begander von der Pressestelle des Bildungswerkes. Die Reihe ist offen für alle Interessierten und nicht von der Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft abhängig. Die Teilnahme ist kostenfrei, lediglich eine formlose Anmeldung ist nötig. Die historische Bildung spielt laut Begander dabei eine wichtige Rolle. Das Spektrum der Veranstaltungen geht von arbeitsrechtlichen Fragen über methodische Angebote bis hin zu politischen Diskussionen. (ana)

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