Göttingner Festival

Soundcheck – der Freitag mit Jeremy Loops, The Night Game und Tom Walker

Entertainer, Macker, großartiger Sänger: Martin Johnson – „The Night Game“ – beim großartigen Konzert im JT. Foto: Harald Kuhl

Göttingen. Vielleicht war es der stärkste Musik-Freitag überhaupt bei den Soundcheck-Festivals seit 2012 - dafür sorgten Jeremy Loops, The Night Game und Tom Walker. 

The Night Game rissen das JT förmlich ab, die Besucher gingen beglückt raus oder gleich ins nächste fantastische Konzert im DT, wo Tom Walker eines der Highlights in der Festival-Geschichte setzt. Und dann der so herrlich beschwingende Abschluss mit Jeremy Loops in der akustisch hinter JT und DT zurückhängenden Stadhalle. Zuvor hatte dort Alma ebenfalls - das dabei vorwiegend junge Publikum mitgerissen.

Jeremy Loops

Es ist toll, so zurück in die Nacht zu gehen, einen fantastischen Live-Musikabend beim Soundcheck zu beenden: Im Kopf die pure Spiel- und Lebensfreude mit dem Südafrikaner Jeremy Loops (34), dem ehemaligen Anlageberater, der nun Dreadlocks trägt, sich für Umweltschutzprojekte stark und mitreißende Musik macht. Und draußen vor der Halle swingt derweil der Albaniplatz vor der City-Stage mit, wo die Live-Übertragung läuft. Großartig.

Mitreißendes Ende am Soundcheck-Freitag: In der Göttinger Stadthalle brachte der Südafrikaner Jeremy Loops (rechts)mit Band wirklich alle in Bewegung und lieferte eines der besten Soundcheck-Konzerte überhaupt. Foto: Harald Kuhl

Jeremy Thomas Hewitt, so heißt er eigentlich, und die Bandkollegen wollen nichts anderes, als alle Menschen, die das hören, in Bewegung bringen mit Songs wie „Down South“, „Gold“, „The Shore“ und dem coolen „Waves“. Es gelingt – sofort. Die Set-List dabei spielt keine Rolle: Der Mix aus Folk-, Reggae- Rap- und African-Stücken reißt mit. Für die Energie bedankt sich die Band artig beim Publikum, dem Loops dann sogar noch einen Gesangskurs gibt. Text: „It´s gold, it´s gooooold.“

Wie der Name sagt, setzt Jeremy gern die Loops ein. Ruft von dort Verzerrrungen und Kinderstimmen ab.

Am Ende hüpfen fast alle, und nur wenige hochgehaltene Handydisplays leuchten, weil es nur Wackelbilder gäbe. Jeremys Musik als Rezept gegen die nervende Handy-Dauerfilmerei. Obwohl: Jeremy macht nach dem Gig noch lange Selfies mit und für das Publikum schießt.

Die Band übrigens ist ein Mix aus Weißen und Schwarzen, die ihre beschwingende afrikanische Musik unbfangen nach Europa trägt. Auch das ist in diesen Tagen nicht unbedeutend.

Tom Walker

Kurz davor hat sich Tom Walker im Deutschen Theater mit einem fantastischen Gig in die Top-Ten der besten Soundcheck-Konzerte gespielt. Das Publikum steht am Ende, nach dem Hit „Leave a Light on“. Die Erwartungen an Walker waren gewiss hoch. Der starke Sänger und Gitarrist aber übertrifft sie in der wunderbaren Athmosphäre des mehrstöckigen Theaterhalbrunds. 

Phänomenal: Tom Walker mit Mütze im Deutschen Theater beim Soundcheck rockte den Laden. Foto: Harald Kuhl

Das liegt maßgeblich auch an der Band, drei jungen, herausragenden Musikern an Keys, Bass und Drums. Walker spielt die Gitarre, trägt eine rote Jeansjacke und Wollmütze. Bei der Energie die Band und Walker freisetzen ist das hoffnungslos overdresst. 

Aber egal: Die Band liefert druckvollen Bluesrock, der weitaus kräftiger ausfällt als auf Platte. Die meist großartigen Stücke wie „Angels“ „Fly away with me“ steigern sich oft stetig und enden in fantastischen Finals. Walker jedenfalls könnte ein ganz Großer werden – live ist er es bereits, wie er mit diesem Hammer-Konzert im DT bewiesen hat.

The Night Game

Warum hat sich dieser Typ „Powerless“ auf den Unterarm tätowieren lassen? Kraftlos! Was Martin Johnson auf der Bühne des JT abriss, war alles andere als das. Er und Band fuhren die Temperatur und Luftfeuchtigkeit drastisch nach oben. Der dunkle Musikreaktor schien zu bersten. „We are The Nightgame“ und „Hello Göttingen“ – das reicht als Ansage. Martin Johnson, der ein offener, humorvollen Gesprächspartner ist, ist auf der Bühne anders. Struppeliges Haar, das tief in den Nacken hängt, Bomberjacke, dazu Old-School-Shirt mit hohen Ärmelansätzen. Durchtrainieter Körper. Tiefliegende Augen, durchdringende Blicke. Eine coole Sau, sozusagen eine Rampensau – was nach Sekunden klar ist. Die Attitüde reicht von sympathisch bis selbstverliebt: echte Rockstars dürfen so sein. Und irgendwie wollen wir doch diese Typen, die anders sind als die oft nur netten „Seid ihr gut drauf“ rufenden, glatt produzierten Pop-Barden.

Martin Johnson kommt aus Boston. ist sportverrückt, hat viel Geld als Produzent von Großen verdient, hatte dann aber keinen Bock mehr: „Ich wollte wieder raus ins Leben.“ Das rastlose Touren mit der Band, stickige kleine Klubs, die nach dem Konzert mit dem Kärcher grundgereinigt werden müssen. Das ist es. Obwohl die Musik, die Johnson spielt, wiederum gar nicht so ist: Er nimm uns mit auf Zeitreise, in das geile Jahrzehnt der 80er: REM, Michael Jackson, Prince – er covert deren Songs. Nein, covern ist falsch, er baut sie ein, als Versatzstücke in eigene Songs mit ähnlichen oder gleichen Titeln: Großartig ist das Talking Heads-Stück und Night-Game-Hit „Once in a Lifetime“ und „No more I love you“, der Eurythmics.

Der Hit „The Outfield“ ist ein brillanter Pop-Rock-Song. Eingängig, einfach und komplex zugleich, exakt auf den Punkt gespielt, wie alles was The Night Game bietet. Das „The Outfield“ in den Gesangsparts an eine gleichnamige Band aus den 80ern erinnert kann kein Zufall sein, denn Johnson ist ein genialer Produzent.

Diese Band hat die Musiklandschaft gebraucht, nicht weil sie Neues macht, sondern weil sie Altes ein wenig anders, aber großartig neu serviert. Sie ist ein Anachronismus im überproduzierten Hit-Mechanismus – aber irgendwie auch mittendrin. Hilft nur eins: live ansehen, vor allem Martin, den Macker, der ein Typ für böse Mädchen ist – natürlich gibt es den passenden Song „Bad Girls don´t cry“.

Sein Keyboarder übrigens schaftt Einmaliges: Er überlebt die JT-Sauna eine Stunde lang im Pelzmantel! Das ist Rock-Pop der 80er – „live hier viel geiler als auf Platte“, wie Johnson mit einem juchzenden Schrei herausschreit. 2019 will er wiederkommen. Unbedingt! (tko)

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