HNA-Interview: Prof. Knut Brockmann über das Sozialpädiatrische Zentrum der UMG

Sozialpädiatrisches Zentrum: Immer mehr chronisch kranke Kinder in Behandlung

Das Team des Sozialpädiatrischen Zentrums der UMG: von links Prof. Dr. Jutta Gärtner (Direktorin), Dr. Markus Röbl (Kinderarzt), Dr. Dagmar Weise (Stellvertretende Leiterin), Dr. Elke Hobbiebrunken (Kinderärztin), Dr. Birgit Zirn (Fachärztin Humangenetik), Dr. Lars Klinge (Kinderarzt) und Prof. Dr. Knut Brockmann (Ärztlicher Leiter Sozialpädiatrisches Zentrum). Foto: UMG/nh
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Das Team des Sozialpädiatrischen Zentrums der UMG: von links Prof. Dr. Jutta Gärtner (Direktorin), Dr. Markus Röbl (Kinderarzt), Dr. Dagmar Weise (Stellvertretende Leiterin), Dr. Elke Hobbiebrunken (Kinderärztin), Dr. Birgit Zirn (Fachärztin Humangenetik), Dr. Lars Klinge (Kinderarzt) und Prof. Dr. Knut Brockmann (Ärztlicher Leiter Sozialpädiatrisches Zentrum).

Göttingen. Das sozialpädiatrische Zentrum (SPZ) ist räumlich nur eine kleine Einheit im Uni-Klinikum, aber die Nachfrage ist riesig: Auf 140 Quadratmetern wurden 2013 mehr als 3000 Kinder – meist mit neurologischen Erkrankungen – untersucht und behandelt.

Das SPZ gibt es seit zehn Jahren. Wir sprachen mit dem Leiter, Dr. Prof. Knut Brockmann, im Vorfeld des SPZ-Tages (9.30 bis 15.30 Uhr) am Samstag über die Arbeit, Vergangenheit und Zukunft.

Herr Brockmann, zehn Jahre SPZ, was verbirgt sich hinter dem Begriff Sozialpädiatrisches Zentrum?

Prof. Dr. Knut Brockmann: Das SPZ ist eine Spezialambulanz für Kinder und Jugendliche. Die Patienten leiden an chronischen neurologischen Erkrankungen, Entwicklungsbesonderheiten und -störungen, körperlichen und geistigen Behinderungen sowie Bewegungsstörungen. Wir beschäftigen uns schwerpunktmäßig mit den Erkrankungen des Nervensystems, mit angeborenen und erworbenen. Das war schon vor Gründung des SPZ ein Schwerpunkt der Göttinger Uni-Kinderklinik.

Was ist das Besondere am SPZ der UMG?

Brockmann: Der Arzt hat mehrere Experten an seiner Seite, die sich um die sehr unterschiedlichen Folgen der Erkrankungen kümmern. Im SPZ arbeiten Kinderärzte, Ergo-, Physiotherapeuten, Logopäden, Ernährungsberater, Neurologen, Psychologen, Sozialpädagogen sowie Kinderneurochirurgen und -orthopäden zusammen. Die Kooperationen sind sehr eng – auch mit Forschungseinrichtungen und Kliniken. Das hat große Vorteile.

Welche sind das?

Brockmann: Bei einem Vorstellungstermin eines Kindes oder Jugendlichen in unserer Sprechstunde sind viele Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen dabei. Wir sehen uns Patienten mit schwierigen Erkrankungen wie Hirntumoren oder Fehlbildungssyndromen mit mehreren Experten an. Das ist für uns sehr effektiv, erspart auch den Eltern und Kindern viel Zeit und Mühe. Sie müssten sonst möglicherweise mehrere Termine bei mehreren Ärzten und Therapeuten vereinbaren und besuchen. Bei uns wir möglichst alles an einem Tag besprochen.

Fließen neue Forschungserkenntnisse schnell in die Diagnosen und Beratungen ein?

Brockmann: Ja, das ist so. Aber wir liefern auch viele Informationen. Während der zehn Jahre SPZ sind von Mitarbeitern mehr als 100 Veröffentlichungen verfasst und die meisten auch in internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht worden.

Wie hat sich das SPZ in den zehn Jahren entwickelt?

Brockmann: Wir haben ganz klein angefangen, mit einem Team – ein Kinderarzt, ein Psychologe, eine Logopädin, Ergo-Therapeutin und Sozialpädagogin in einem Untersuchungsraum. Dann haben wir nicht mehr benötige Räume übernommen – mit 140 Quadratmetern. Das ist der Kern des SPZ bis heute, der um weitere Untersuchungsräume erweitert worden ist. Wir wollten den kranken Kindern und Familien einen Ort bieten, wo sie Hilfe erhalten. Eltern von chronisch kranken Kindern sind oft überfordert und brauchen Unterstützung. Die Teambehandlung im SPZ sollte die Versorgung von chronisch kranken Kindern mit Erkrankungen des Nervensystems in der Region verbessern, das ist gelungen.

Ist auch die Patientenzahl gewachsen?

Brockmann: Überraschend ist, dass die Zahl der Anmeldungen nicht an einer Decke stoppt. Sie wächst immer weiter. Wir versuchen alles, um der Flut von Anmeldungen gerecht zu werden. Trotzdem werden die Wartezeiten immer länger.

Was müssen Eltern tun, um sich im SPZ anmelden zu können?

Brockmann: Notwendig ist eine Überweisung vom Facharzt – meist vom Kinderarzt – oder vom Neurologen, Orthopäden oder dem Kinder- und Jugendpsychiater. Und die Familien müssen sich mit einem Fragebogen anmelden. Den sichten wir und entscheiden dann, ob der Patient bei uns richtig ist. Wenn nicht, verweisen wir weiter an andere UMG-Abteilungen, auch an niedergelassene Ärzte und Therapeuten. So sind ADHS und Autismus gar nicht unser Thema, sondern das der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Dennoch melden sich viele bei uns an.

Haben neurologische Erkrankungen bei Kindern generell zugenommen?

Brockmann: Das ist pauschal nicht zu beantworten. Es gibt sicher Erkrankungen, deren Fallzahlen zunehmen, so die extreme Adipositas, weil sich Kinder zunehmend weniger bewegen und sich oft schlecht ernähren. Diesbezüglich hat Dr. Markus Röbl in der UMG ein Programm entwickelt. Auch andere verhaltensabhängige Entwicklungsstörungen haben in den vergangenen Jahren zugenommen. Andererseits sind manche Erkrankungen, wie die Folgen von Hirnhautentzündungen dank der Impfungen zurückgegangen. Wir betreuen im SPZ aber auch viele Patienten mit unterschiedlichen seltenen Erkrankungen.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft für das Sozialpädiatrische Zentrum?

Brockmann: Ein Neubau, vielleicht auf der Wiese im Ostbereich, wäre ein Traum. Wir müssten größer werden und mehr Räume haben.

Von Thomas Kopietz

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