Brief an Oberbürgermeister

SPD-Ratsmitglied Tom Wedrins: Menschen brauchen Unterstützung jetzt

Tom Wedrins SPD Stadtrat Göttingen Fraktionsvorsitzender Foto: privat/nh

Die SPD-Fraktion im Göttinger Stadtrat hat mit verschiedenen Trägern gesprochen und daraus Verbesserungsvorschläge abgeleitet, um Probleme infolge der Corona-Krise besser bewältigen zu können.

In einem Brief an Göttingens obersten Verwaltungschef, Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler (SPD), bittet die SPD-Fraktion um rasche Hilfestellungen der Verwaltung für die freien Träger.

Es geht dabei etwa um die Unterstützung von Obdachlosen oder von Studierenden, die nach Schließung der Lokale ihr Studium nicht mehr finanzieren können. Wir haben mit dem SPD-Stadtratsvorsitzenden Tom Wedrins über die Unterstützungsmöglichkeiten und die aktuelle Stadtpolitik gesprochen.

Die SPD-Ratsfraktion hat mit freien Trägern in Göttingen gesprochen, um Probleme in Folge der Corona-Krise zu eruieren. Wo drückt der Schuh in der Uni-Stadt besonders? Wie schätzen Sie die Situation der freien Träger in Göttingen ein?

Unglaubliche Kreativität, hohe Einsatzbereitschaft, Engagement, im Betrieb zu bleiben und optimistisch durch die Krise zu gehen, das prägt die Einstellung der Träger. Der Schuh drückt natürlich bei der Frage der Finanzierung der Einrichtungen, hier kann die Stadt an einigen Stellen überlegen, wie sie über kluge Stundungsmodelle – etwa bei Mieten – entgegenkommt. Auch höhere Zuschüsse müssen diskutiert werden. Alles nach der Krise wieder aufzubauen kommt uns noch teurer. Außerdem brauchen wir die Einrichtungen jetzt, denn jetzt machen sich die Menschen Sorgen, benötigen Unterstützung, vielleicht mehr als zuvor. Aber man muss auch sagen: An vielen Stellen sind die Aktiven natürlich an der Grenze ihrer Möglichkeiten, dies ist eine Situation, die allen viel Kraft und Durchhaltevermögen abverlangt. Hut ab vor denen, die probieren am Ball zu bleiben. Alle brauchen nun die Unterstützung durch die öffentliche Hand.

Was sagen Sie zu den Verbesserungsvorschlägen? Wie schnell könnten diese umgesetzt werden?

Zunächst: Unsere Anregungen sind eine Ergänzung zur Arbeit des Krisenstabes, wir haben keinen Anlass zur Kritik an der Arbeit der Verwaltung. Da machen die Verantwortlichen einen hervorragenden Job und gehen bis an persönliche Belastungsgrenzen. Hier ist es unsere Aufgabe dank zu sagen und da, wo nötig und möglich, Hinweise zu geben, was noch besser laufen könnte.

Einige der Vorschläge können sehr zügig sofort umgesetzt werden, wie die Frage eines zentralen Einkaufs für dringend benötige Gesundheitsartikel, die die freien Träger benötigen. Hierfür gibt es bestimmt in den städtischen Gesellschaften personelle Ressourcen und Know-how. Anderes muss sicherlich vorbereitet werden, aber ebenso zügig: Jugendliche und Familien in problematischen Kontexten sind seit dem Schulausfall ohne Struktur und brauchen eine aufsuchende Sozialarbeit. Hier ist die Frage, vorhandenes Personal geschickt zu bündeln und für solche Maßnahmen flexibel einsetzen zu können. Die Pandemie darf nicht dazu führen, dass Menschen noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrückt werden.

Zur finanziellen Unterstützung schlagen Sie die Einrichtung eines städtischen Krisenfonds vor. Wie könnte dieser ihrer Vorstellung nach aussehen?

Wir sind in einer Zeit, in der zügig und unbürokratisch finanzielle Mittel bereitgestellt werden können und auch müssen. Das heißt, nicht „Wildwest-Manier“, aber nach begründeten Anträgen sollte die Verwaltung kurzfristig auch schnell Beträge auszahlen können, für Anschaffungen wie auch für den laufenden Betrieb bei den freien Trägern und Institutionen. Hier hilft dann ein Krisenfonds.

Wie sieht die Situation der Göttinger Stadtpolitik aktuell aus?

Die Stadtpolitik findet weiter statt. Gerade in Krisenzeiten muss ein Kommunalparlament erneut Beratungen aufnehmen gemeinsam die besten Ideen für den Umgang mit der Krise in der Beratung entwickeln. Um gemeinsame Beratungen wieder zu ermöglichen, haben die Fraktionen von SPD und Grünen letzte Woche einen Antrag gestellt. Hiernach soll die Verwaltung prüfen, wie auf Ebene eines Ausschusses unter Einhaltung von Gesundheitsauflagen, Kommunalpolitik mit den Experten aus der Verwaltungen weiter Entscheidungen vorbereiten und treffen kann. Gerade für mögliche Strategien nach dem Shutdown wird dies wichtig sein.

Besteht durch die Corona-Krise die Gefahr, dass wichtige Entscheidungen auf die lange Bank geschoben werden?

Für Göttingen war es eine politische Leistung, dass der Rat noch am 13. März, in Kenntnis des Shutdowns, den Nachtragshaushalt beschlossen hat. Ohne diese Sitzung wäre sie jetzt nicht handlungsfähig. Wichtige Entscheidungen werden also nicht auf die lange Bank geschoben, auch in Zeiten der Corona-Krise müssen wir uns weiter mit den Themen der Wohnungsnot, der Stadtentwicklung und auch der Bildungsgerechtigkeit beschäftigen. Dies ist auch deshalb entscheidend, um einen guten Neustart nach der Krise hinbekommen zu können.

Zur Person: Tom Wedrins

Thomas „Tom“ Wedrins (47) ist seit 2016 – wie bereits zwischen 2002 und 2010 – Vorsitzender der SPD-Stadtratsfraktion in Göttingen. Er ist Leiter der Göttinger Geschwister-Scholl-Gesamtschule und hat Lehramtsstudium für Gymnasien in den Fächern Deutsch und evangelische Theologie absolviert. Wedrins ist verheiratet und hat zwei Söhne. Seine Hobbys sind Laufen Rennradfahren, Schwimmen und Lesen

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