Spiel zwischen zwei Welten

Deutsches Theater: Premiere „Spam. Fünfzig Tage“

So lustig ist selten: „Spam. Fünfzig Tage“ im kleinen Saal des Deutschen Theaters hatte Samstagabend Premiere: Von links Bardo Böhlefeld, Katharina Uhland, Benedikt Knauff und Vanessa Czapla. Foto: DT/nh

Göttingen. „Spam. Fünfzig Tage“: Reicht eine Stunde, um die Zusammenhänge zwischen der Ausbeutung der Minenarbeiter im Kongo, dem Bürgerkrieg dort und dem Handy-Info-Chaos bei uns aufzuzeigen? Die Antwort lautet: Ja, aber...!

Der Kontrast ist gewollt: Das schwarze Bühnenbild ist minimalistisch, ein paar Kartons, viel mehr gibt es nicht. Das Spiel der Akteure damit und in den Festeinbauten der kleinen DT-Bühne aber ist hochintensiv.

Der Beginn ist scheinbar belangloses Geplapper, ein Durcheinander von Menschen in einem Zug. Nichtigkeiten, wohin man hört. Alle labern in ihre Handys. Ein Tunnel stoppt das wilde Gerede.

Die Szene verschmilzt mit dem Geschehen an Schauplatz zwei: Eine Mine im Kongo, Afrika. Hier verrecken Menschen für den Profit, dafür, dass andere weltweit telefonieren, simsen, whatsappen, fotografieren können – per Handy. Coltan heißt das Zauberwort, das nur selten zu hören ist. Coltan, ein Erz, Grundstoff für Tantal, ein Metall, das zur Herstellung von Handy und Computern nötig ist. Der Preis für Tantal ist explodiert. Riesenkonzerne handeln längst damit.

Kinder, Männer, Frauen schaben Coltan im Kongo aus dem Boden – für Hungerlöhne. Skrupellose Unternehmer, beschützt von Milizen, die aus der ersten Welt bezahlt werden, gehen über Leichen. „Der Riese“ (Gerd Zinck) ist so einer. „Der Zweite“ (Bardo Böhlefeld) auch. Der Zweite will der Erste werden, die Schwäche des Riesen ausnutzen, als der sich verliebt. In eine andere. Der „Kapitän“ (Katharina Uhland), ist eigentlich die Geliebte. Eine Bestimmungsbeziehung, sagt der Kapitän, weil sie das Schiff hat, der Riese das Erz, die Diamanten.

Aus Liebe gräbt der Riese tagelang in der Grube, will den verschütteten Mann der blinden Frau (großartig: Vanessa Czapla) finden. Er findet Tote. einen, zwei, drei – hunderte.

Wieder ein Wechsel: im Zug: Noch mehr Gewäsch, Kleinigkeiten, Nichtigkeiten, die zu Riesenproblemen werden. Zwei Welten.

Diese Diskrepanz hat Dramaturgin Sonja Bachmann in drastischer Form herausgearbeitet, was angebracht ist, um nicht zu sehr ins Dokumentarische abzugleiten. Es ist ja Theater, nicht Film. Deshalb sind die Liebeleien überbewertet.

Deutlich wird Bekanntes: Macht und Geld locken die Frauen an. Moral und Menschlichkeit bleiben auf der Strecke bleiben. Welchen Wert hat schon ein Menschenleben?!

Am Ende bleiben die Toten, die Profitgier, die Nichtigkeiten im Alltag der ersten Welt. Die Handys. Aber auch: der intensive Applaus für die Akteure, die Ratlosigkeit einiger, der Ärger weniger Zuschauer. Was hilft dagegen? Eine Vorbereitung auf das Thema.

Fazit: Eine durchweg starke Leistung der Schauspieler, aber eine Dramaturgie mit Schwächen. Und: Ein mutiges, polarisierendes Stück, das nicht jedem Besucher gefallen wird.

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