Deutsches Theater eröffnet Spielzeit

Spielzeit-Eröffnung im Deutschen Theater Göttingen mit „Pop up (Play)“

Vier Schauspieler auf einer Bühne, im Hintergrund sind Treppenstufen einer Tribüne zu sehen
+
Intellektuelle Selbstbespiegelung: Florian Donath (von links), Paul Trempnau, Anna Paula Muth und Gaby Dey.

Mit vielfältigen Premieren starteten die Göttinger Theater in die Spielzeit.

Göttingen – Mit viel Applaus und Bravorufen hat das Publikum im Deutschen Theater in Göttingen die Versuchsanordnung „Pop Up (Play)“ von den Autoren und Regisseuren Bastian Dulisch und Gerhard Willert belohnt. Nach dem erfolgreichen Start auf der Studiobühne DT-2 mit Theodor Storms „Der Schimmelreiter“ ist mit dieser Uraufführung auch die Spielzeit im DT-1 eröffnet worden.

Beim Einlass laufen Opernklänge – vermeintlich Musik für Intellektuelle. Der erste Satz: „Ich habe nichts zu sagen“, stellt sich mit dem, was folgt, in Frage. Böse könnte man die Statements als Besserwisserei-Geschwafel abtun. Ein Gefühl wie auf eine Party, wo jeder endlos redet und kaum hört, was die anderen sagen, bis der nächste den anderen seine Worttiraden vorwirft. Wie Menschenfleisch im Raubtierkäfig.

Ein großes Thema ist die Steuervermeidung von Formel-1-Rennfahrern. Ein weiterer wichtiger Themenbereich: das Gendern. Wen muss man heute mit einbeziehen, wenn man Menschen in einer Gruppe anredet? Nicht enden wollen die Möglichkeiten von den derzeit politisch korrekten Endungen selbstverständlich mit Gender-Sternchen.

„Welche merkwürdigen Blüten poppen, ploppen und platzen denn da plötzlich auf im gesellschaftlichen Diskurs (nicht nur) in Deutschland…?“ – Mit dieser treffenden Frage kündigt das Theater sein in der Probenarbeit entwickeltes Stück an.

Und wahrhaftig: Veganer, Rassismus, Theater, Sex und Gott – kaum ein Thema wird in den Wortkaskaden ausgelassen. So etwas Gespräch zu nennen, wäre übertrieben. Obwohl fünf Menschen ohne Namen – Gaby Dey, Florian Donath, Anna Paula Muth, Marina Lara Poltmann und Paul Trempnau – auf der Bühne stehen und sich sehr kunstfertig „unterhalten“.

Weitere, noch elaboriertere Diskurse, bietet ein noch etwas besser gekleidetes Paar (Christoph Türkay und Jenny Weichert; Kostüme: Ilka Kops), das den auf einer zweigeteilten Tribüne ausgestellten „Partygästen“ zusieht (Bühne: Alexandra Pitz). Anfangs sitzen sie wie Zuschauer in den Logen, dann treten sie heraus zu einer aufsteigenden Chaiselongue – soll sie mit Stricken zusammengebunden an den Verpackungskünstler Christo erinnern? Passen würde es zu den beiden Hyper-Intellektuellen, die sogar ihre Lust auf Sex sprachlich verpacken und das Treiben der anderen fast belustigt kommentieren.

Mit diesen zwei Gruppen ist es dem Regieteam plus Intendant Erich Sidler als Dramaturg gelungen, einen Spannungsbogen für ein Stück zu entwickeln, in dem außer viel Reden nichts passiert. Immer wieder sprechen die Akteure die Zuschauer so direkt an, dass diese sich trotz weniger zu wortreicher Längen selbst an die Nase fassen müssen: Treiben wir selbst es nicht auch gern bis zum sprachlichen Orgasmus – und das, ohne den anderen zuzuhören?

Wieder am 29. September und 1. Oktober, Kartentelefon: 0551/4969300 dt-goettingen.de (Ute Lawrenz)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.