Plädoyers am Montag - Staatsanwaltschaft greift beim Strafmaß hoch

Transplantations-Skandal: Staatsanwaltschaft fordert acht Jahre Haft

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Mediziner als „Alleinentscheidender über Leben und Tod“: Oberstaatsanwältin Hildegard Wolf in ihrem Plädoyer.

Göttingen. Die leitende Staatsanwältin Hildegard Wolff hat am Ende ihres sechsstündigen Plädoyer am Montag vor dem Landgericht für den angeklagten, ehemaligen Transplantationsmediziner der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) eine Haftstrafe von acht Jahren und ein lebenslanges Berufsverbot gefordert.

Dem ehemaligen Leiter der Transplantationsmedizin an der Göttinger Uni-Klinik wird versuchter Totschlag in elf Fällen und vorsätzliche Körperverletzung mit Todesfolge in drei Fällen vorgeworfen.

Der leitende Oberarzt hätte in der Uni-Klinik ein systematisches System zur Manipulation aufgebaut, das es so in Deutschland zuvor noch nie gegeben hätte. Dadurch habe das gesamte System der Organtransplantation und -verteilung großen Schaden genommen, die Spenderzahlen seien stark zurückgegangen. Der Chirurg habe vorsätzlich gehandelt, weil er um die Folgen seiner Anweisungen und Handlungen gewusst habe, auch, dass deshalb andere, anonyme Patienten auf der Warteliste hätten sterben können.

Das Berufsverbot forderte Wolff, weil die Gefahr besteht, dass Dr. O. in Zukunft ähnliche Taten begehen wird. Deshalb bestünde eine Gefahr für Leib und Leben von Patienten.

Strafmaßmindernd sei, dass Dr. O. zuvor keine Straftaten begangen hatte. Zum Nachteil für ihn sei, dass er während des zweijährigen Verfahrens nie einen Fehler zugegeben und Bedauern gezeigt sowie sich teilweise gegenüber Zeugen ungebührend verhalten habe.

Der Patientenwille sei letztlich nicht entscheidend gewesen, sondern die Interessenlage des Arztes und das sei mit dem Berufsethos nicht zu vereinbaren. Der geltungssüchtige Dr. O. habe so „Herr über Leben und Tod“ sein wollen.

Aktualisiert
um 17.58 Uhr.

Hildegard Wolff hielt dem Chirurgen auch vor, dass er die Ermittler angelogen, falsche Dialyseprotokolle für Patienten erstellt und für ein nachträgliches Verbot der Datenherausgabe eines Patienten, der zu diesem Zeitpunkt bereits tot gewesen sei, gesorgt habe. Zudem seien Patienten über ihren wahren Gesundheitszustand und die Risiken einer Organverpflanzung bewust nicht korrekt informiert worden – alles unter der Prämisse und dem Ziel: pro Transplantation.

Der Angeklagte nahm die Äußerungen von Wolff immer wieder kopfschüttelnd und lächelnd zur Kenntnis. Zwischenrufe wurden ihm untersagt. Verteidiger Steffen Stern bezichtige die Staatsanwältin, teilweise die Unwahrheit zu sagen.

Der Prozess wird am Dienstag fortgesetzt.

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