Pressekonferenz zur Coronakrise

Stadt und Landkreis Göttingen sind landesweite Vorreiter beim Testen

Göttingen- Ratssaal - Neues RathausPK Landkreis zu Corona und aktueller SituationV.l. Marlies Dornieden (Kreisrätin, Landkreis), Bernhard Reuter (Landrat), Petra Broistedt (Sozialdezernentin Stadt Göttingen). Foto: Hubert Jelinek
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Keine Maskerade: Pressekonferenz zur Corona-Krise im Landkreis Göttingen. Von links sitzen Marlies Dornieden (Kreisrätin), Bernhard Reuter (Landrat) und Petra Broistedt (Sozialdezernentin Stadt Göttingen) vor Journalisten im Ratssaal.

Göttingen - Kreisrätin Marlies Dornieden, Göttingens Sozialdezernentin Petra Broistedt und Landrat Bernhard Reuter sitzen nebeneinander. Mundschutzmasken verdecken ihre Gesichter zu Hälfte. Dornieden und Broistedt tragen blau, Reuter trägt weiß.

„Endlich sieht man gut aus“, sagt Reuter. Sein Lachen ist nicht zu sehen. Und es sollte der einzige Scherz des Landrates während der Pressekonferenz am späten Dienstagnachmittag bleiben, denn der Ernst der Lage bestimmte die Atmosphäre: Es ging um die Ausbreitung des Coronavirus im Landkreis Göttingen und darum, wie Stadt und Landkreis dagegen ankämpfen. Im Rund des Göttinger Ratssaal ist viel Platz – vor allem zwischen den wenigen Journalisten und einigen Funktionsträgern wie Kreisrat Marcel Riethig. Besondere Bedingungen.

Fall im Gesundheitsamt

Über allen schwebt auf der Leinwand überlebensgroß, der per Videoanruf zugeschaltete Chef des Göttinger Gesundheitsamtes Dr. Eckart Mayr. Auch er trägt Mundschutz, was absurd wirkt, aber einen drastischen Grund hat: Im Gesundheitsamt ist ein Mitarbeiter positiv getestet worden. Mayr ist Kontaktperson ersten Grades. Aber er arbeitet weiter, wie auch weitere 107 Beschäftigte, darunter 30 Studenten und 20 Verwaltungsmitarbeiter, die aushelfen. Sie haben verdammt viel zu tun, vor allem, weil sie auch die Kontaktpersonen der positiv Getesteten ermitteln müssen. Bei 555 Infizierten gebe es allein gut 2000 Kontaktpersonen ersten Grades, sagt Petra Broistedt. Eine Sysiphosarbeit.

Sorgenfall Altenheime

Die drei im Podium und den Gesundheitsamtschef treibt eine gemeinsame Sorge um: der massive Anstieg der Coronavirus-Infizierten in Alten- und Pflegeheimen, vor allem im Gebiet des Altkreises Osterode. 15 betroffene Heime gab es dort am Wochenende. Dienstag konnte wenigstens gemeldet werden, dass eine Einrichtung in Holzerode, wo zwei Mitarbeiter positiv waren, wieder „clean“ ist. Ein Hoffnungsschimmer.

Größer aber ist die Sorge, dass weitere Heime mit noch mehr Bewohnern und Mitarbeitern von der Virusausbreitungswelle erfasst werden. „Herzberg ist uns eine Warnung“, sagt Landrat Reuter. „Wir wollen nicht, dass sich eine solche Zuspitzung andernorts wiederholt.“ In Herzberg zeige sich „in besonders tragischer Art und Weise, wie gefährdet manche Bevölkerungsgruppen sind“. Reuter sagt deshalb fast flehend: „Haltet die bestehenden Regeln strikt ein.“ Von einer Lockerung kann und will der Landrat am Dienstag nichts wissen und hören.

Maßnahmen greifen

Ziel sei es, die Ausbreitung weiter zu verlangsamen, vor allem aber, die Versorgung in Kliniken zu sichern, wo es bei „nur“ elf Patienten auf Intensivstationen und acht an Beatmungsgeräten Stand Dienstag gut aussah.

„Die Maßnahmen greifen, die exponentielle Ausbreitung ist verhindert worden“, betont Reuter dennoch. „Eine Verhinderung des Coronavius im Landkreis konnte nie das realistische Ziel sein.“

Durchtesten wichtig

Und Landkreis, Stadt gehen mit ihrem gemeinsamen Gesundheitsamt besondere Wege in der Corona-Bewältigung: „Wir testen extrem viel“, sagt Petra Broistedt. Elf Einrichtungen seien komplett durchgetestet worden. In den Testzentren sind es weiterhin mindestens je 200 pro Tag. In Göttingen wurden im größten Pflegeheim an zwei Tagen allein 800 Tests absolviert. „Das ist nicht Strategie des Landes, alle Heime mit Covidfällen durchzutesten, wir im Landkreis tun es“, betont Broistedt.

Lob für Philippi

Dabei erhält man außergewöhnliche Unterstützung: Der Kreistagsabgeordnete und Arzt Dr. Andreas Philippi hat sich mit seiner Michaela – ebenfalls Ärztin – Test-Kits besorgt und im Altkreis Osterode sechs Altenheime komplett getestet. „Ihnen gebührt unsere Hochachtung“, sagt Landrat Reuter.

Für Eckart Mayr ist dieses Durchtesten alternativlos, auch weil nur so eine Trennung von Gesunden und Erkrankten – auch in Krankenhäusern und Altenheimen – möglich sei. Logische Konsequenz laut Mayr ist aber, dass „folglich die Zahl der Positiven angestiegen sind und steigen“. Letztlich sei es aber auf Dauer besser, möglichst realistische Zahlen zu haben.

136 Genesene verzeichnet die Statistik mittlerweile. Auch das ist ein Hoffnungsschimmer in eine schweren Zeit.

Sorgen um Existenzen

Dass es um mehr als Gesunde und Kranke geht, streicht der Landrat heraus: „Wir denken auch an die vielen menschen, denen jetzt und in Zukunft die Arbeit und das Geld fehlt, die in existenzielle Not geraten, so wie freischaffende Künstler. Das macht mir Sorgen. Um diese Themen müssen wir uns kümmern.“

Besonders positiv verbucht Reuter die intensive Nachbarschaftshilfe, den Einsatz vieler ehrenamtlicher Helferinnen und Helfer, das Engagement der Hilfsorganisationen wie DRK, Malteser, Caritas und anderer, auch der ehemaligen Pflegekräfte, die sich zum Helfen meldeten.

Konsequent bleiben

Am Ende steht der Appell: „Halten Sie sich an die Vorgaben und gehen Sei mit Mundschutz zum Einkaufen.“ Die drei auf dem Podium machen es am Dienstag in der Pressekonferenz vor.

Und: Man wolle bestmöglich informieren, bald auch wieder Zahlen für einzelne Gemeinden nennen, was aber rechtlich noch problematisch sei. Eine breite Information auch mit Unterstützung der Medien sei wichtig. Auch diesen dankte Reuter – eine schöne Geste.

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