Gespräche über Schmerz und Einsamkeit

Stadtfriedhof Göttingen: Trauerbegleiterinnen helfen Hinterbliebenen

Trauerbegleiterinnen Heide Reinshagen (links) und Karin Gruß.
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Haben bis Totensonntag Gespräche auf dem Göttinger Stadtfriedhof angeboten: Trauerbegleiterinnen Heide Reinshagen (links) und Karin Gruß.

Über die belastende Zeit der Pflege und den Moment des Todes, den Schmerz des Verlustes und die Einsamkeit in den Monaten danach haben seit Mai 50 Trauernde mit Ehrenamtlichen des Hospizes An der Lutter gesprochen.

Göttingen – Die Trauerberaterinnen boten ihren Trostpunkt bis zum Totensonntag wöchentlich auf dem Göttinger Stadtfriedhof an der Kasseler Landstraße an.

Auf der Bank steht eine Laterne. Daneben ist eine orangefarbene Decke ausgebreitet. Orange ist auch der Schirm von Heide Reinshagen. Die Hospiz-Mitarbeiterin und ihre Kolleginnen sind gut zu erkennen. In den vergangenen Monaten saßen sie mit Trauernden zusammen am Bogen der Erinnerung. Das ist eine bereits bepflanzte Grabanlage für Urnenbestattungen, wo sich Angehörige nicht um die Grabpflege kümmern müssen.

„Vor allem Göttinger, aber auch Menschen aus Hardegsen oder Northeim suchten das Gespräch mit uns“, berichtet Trauerbegleiterin Karin Gruß, eine pensionierte Schulleiterin. Einige hatten vom Angebot aus der Zeitung, andere durch Bekannte erfahren. Manche wurden von den Hospiz-Mitarbeiterinnen auch angesprochen. Oft waren der Partner oder die Eltern gestorben, manchmal auch die bereits erwachenenen Kinder.

Trostpunkt: Gespräche mit Trauernden über Überforderungserfahrungen

„In vielen Gesprächen ging es um die belastende Zeit der Pflege, wo Angehörige rundum die Uhr ansprechbar sein müssen“ sagt Reinshagen, eine psychologische Psychotherapeutin im Ruhestand. Die Trauernden berichteten von ungeduldigen, fordernden und undankbaren Kranken. Am Trostpunkt durften sie über ihre Überforderung sprechen, erfuhren selbst Fürsorge und Zuwendung.

Auch Krankenhausaufenthalte und die letzten Augenblicke waren Thema. Angehörige oder Freunde wollten das zum Teil nicht mehr hören, erfuhren die Trauerbegleiterinnen. Sie dagegen hörten sich die Geschichten an, gegebenenfalls auch mehrfach. Zur Sprache kam zudem die Einsamkeit der Hinterbliebenen. Witwen fehlt der Handwerker im Haus. Die Frauen müssen den Schriftverkehr nun selbst erledigen und eigenverantwortlich Entscheidungen treffen.

Statt Trauercafé: Der Trostpunkt als Anlaufstelle während der Pandemie

Alle diese Dinge waren vor der Pandemie Thema beim monatlichen Trauercafé des Hospizes an der Lutter gewesen. Dort kümmerten sich seinerzeit zwei, drei Ehrenamtliche um sechs bis zwölf Gäste. Während der Lockdown-Phasen fiel das Café aus. Dazwischen gab es vereinzelt Treffen für eine begrenzte Zahl nach Voranmeldung. Aufgrund der großen Nachfrage beschlossen die Ehrenamtlichen, die Gespräche auf dem Stadtfriedhof anzubieten. Auf eine entsprechende Anfrage reagierte der zuständige Mitarbeiter der Stadtverwaltung, Wolfgang Gieße, offen.

Der Bogen der Erinnerung soll es vom kommenden Frühjahr an wieder Trostpunkte geben. Eine Bitte des städtischen Friedhofs Junkernberg schlug das Hospiz-Team dagegen aus. Ihm fehlen die nötigen Trauerbegleiterinnen. (Michael Caspar)

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