Neuerscheinung

Stadtführer über eine Heilige: Auf Edith Steins Göttinger Spuren

Hat den Stadtführer geschrieben: Politikwissenschaftlerin Mary Heidhues (85) stellte in der neuen Schrift Leben und Werk von Edith Stein vor.
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Hat den Stadtführer geschrieben: Politikwissenschaftlerin Mary Heidhues (85) stellte in der neuen Schrift Leben und Werk von Edith Stein vor.

Aula, Auditorium und Universitätsbibliothek, aber auch die verschiedenen Häuser, in denen die 1998 heilig gesprochene Edith Stein während ihrer Göttinger Studienjahren gewohnt hat, zeigte Dr. Mary Heidhues jahrelang Besuchergruppen.

Göttingen – Das kann die mittlerweile 85-jährige Politikwissenschaftlerin nicht mehr. Die Corona-Zeit hat sie dafür genutzt, um ihr Wissen in einer kleinen Schrift zusammenzutragen. Unterstützung erhielt sie von der promovierten Religionsphilosphin Beate Beckmann Zöller, der Vizepräsidentin der Edith-Stein-Gesellschaft Deutschland. Nun hat Heidhues den Band im Gemeindesaal St. Michael vorgestellt.

Vor St. Michael stand an Heilig Abend 1915 Stein. Die damals 24-Jährige wollte mit Freundinnen die Mitternachtsmesse besuchen. Die Christmette fand jedoch erst am nächsten Morgen statt. „So hat die Tochter aus jüdischem Haus, die sich 1921 im pfälzischen Bergzabern taufen ließ, in Göttingen nie eine katholische Kirche von innen gesehen“, berichtet Heidhues.

Stein war 1913 nach Südniedersachsen gekommen, um dort ihr in Breslau begonnenes Philosophie-Studium fortzusetzen. 30 000 Menschen lebten kurz vor dem Ersten Weltkrieg in der Stadt. 2729 Studierende gab es, darunter 224 Studentinnen. Stein gehörte zu den Schülerinnen von Professor Edmund Husserl. Der Philosoph wollte, in Abgrenzung zu den empirischen Naturwissenschaftlern, Gegenstände und Sachverhalte als „Phänomene“ auf „ihr eigentliches Wesen“ hin untersuchen. „Gedankendinge“, die nicht unbedingt real sein mussten, waren exakt zu beschreiben. Husserls Phänomenologen waren offen für religiöse Erfahrungen, berichtet Beckmann-Zöller in der Broschüre.

Stein, die als 15-Jährige mit dem jüdischen Glauben gebrochen hatte, sah sich als Atheistin. Ihr Mentor, der junge Hochschullehrer Adolf Reinach, trat jedoch zusammen mit seiner Frau 1916 von Judentum zum Christentum über und ließ sich in Göttingens lutherischer Albanikirche taufen, auch eine Station des Stadtrundgangs. Reinachs Tod an der Front 1917 traf Stein hart, weiß Heidhues.

Die Philosophin, die 1916 ihren Doktor gemacht hatte, geriet in eine Krise. Romantische Gefühle für Mitstudenten, deren Wohnhäuser die Broschüre benennt, blieben unerwidert. Hoffnungen auf eine akademische Karriere im patriarchal geprägten und zunehmend antisemitisch eingestellten Deutschland zerschlugen sich. Einen Ausweg fand Stein 1921 bei ihrem letzten Besuch in Göttingen. Sie entschloss sich zur Konversion und zur Ehelosigkeit. Stein arbeitete in der Folge in katholischen Bildungseinrichtungen. 1933 ging sie ins Kloster, 1938 in die Niederlande. 1942 ermordeten sie die Nazis in Auschwitz. Heidhues setzt sich seit den 1980er-Jahren in Göttingen dafür ein, dass Stein gedacht wird. (Michael Caspar)

Neuerscheinung: Beate Beckmann-Zöller, Mary Heidhues: „Das liebe alte Göttingen!“ Edith Steins Universitätsjahre – Begegnungen und Entscheidungen. Butzon & Bercker, 65 S., 7,95 Euro.

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