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„Stadt – Menschen – Pandemie“: Das Städtische Museum Göttingen zeigt Fotos von Niklas Richter

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Von: Thomas Kopietz

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Zwei Menschen speisen im abgeschirmten Gewächshaus des „Bullerjahn“ vor dem Alten Rathaus in Göttingen.
Vor dem Göttinger Alten Rathaus speisen diese Beiden im abgeschirmten Gewächshaus des „Bullerjahn“. Niklas Richter stellt die Fotos im Städtischen Museum aus. © Niklas Richter

Das Städtische Museum zeigt Fotos von Niklas Richter. Der freiberufliche Fotograf hat die Menschen in Göttingen während der Corona-Pandemie fotografiert.

Göttingen – Skurrile Pandemie-Realität: Das Städtische Museum in Göttingen zeigt Fotos von Niklas Richter. Der freiberufliche Fotograf hat die Menschen in „seiner Stadt“ während der Corona-Pandemie fotografiert. Die Ausstellung mit dem Namen „Stadt – Mensch – Pandemie“ ist kostenlos bis zum 30. Oktober zu sehen.

Zwei Gründe sprachen laut Museums-Leiterin Andrea Rechenberg dafür: Es sei nach 15 Jahren an der Zeit gewesen, endlich wieder mal eine Foto-Ausstellung im Museum zu zeigen. Zudem sei die Pandemie ein „zeitgeschichtliches Thema“, deren Ausmaß und Einfluss man anfangs gar nicht habe abschätzen könnten. Umso wertvoller ist es, dass Rechenberg früh die Zusammenarbeit mit Niklas Richter suchte, der so die Bilder zur Pandemie lieferte.

Foto-Ausstellung „Stadt – Menschen – Pandemie“ im Städtischen Museum Göttingen zu sehen

Ohne Rahmen, ohne Passepartouts, quasi pur hängen unzählige Fotos in mehreren Räumen des Museums. Zunächst kann das überfordernd wirken. Wer sich einlässt, Zeit nimmt, der bleibt hängen, vor den Bildern und vor allem gedanklich. „Ist das schon so lange her? Ja, das war ja anfangs so!“ Fragen Gedanken, die sofort präsent sind.

Die Pandemie war und ist auch aufgrund permanenter Anspannung und Veränderung ein Raffer der Zeit, ein Verdränger der Erinnerungen. Richters Fotos sind so wieder Rechen, der den Berg an Laub zur Seite kehrt. Die Pandemie-Erinnerungen werden wieder sichtbar. Da sind diese kunstvollen, selbstgenähten Stoffmasken in einer Vielfältigkeit, die später von der öden Uniformität der (wirksameren) FFP-2-Masken verdrängt wurden.

Masken-Porträts tauchen an vielen Stellen der Ausstellung auf

Menschen tragen Masken: Ein Bild, das von der Absurdität zur Normalität wurde. Kleinkinder kennen fremde Menschen nur mit Masken. Ein Junge, getragen von der Mutter, schaut über deren Schulter. Richter erwischt diesen einen Moment ein. Ein faszinierendes Foto. „Der Kleine wollte unbedingt eine Maske tragen, weil sein älterer Bruder auch eine hatte“, schildert Richter die Geschichte hinter dem Foto.

„Stadt – Mensch – Pandemie“: Museumsleiterin Andrea Rechenberg, Volontärin Iris Olszak, Fotograf und Kurato Niklas Richter
„Stadt – Mensch – Pandemie“: Museumsleiterin Andrea Rechenberg, Volontärin Iris Olszak, Fotograf und Kurato Niklas Richter © Stefan Rampfel

Die Masken-Porträts tauchen an vielen Stellen der Ausstellung auf. Sie sind der rote Faden durch die Ausstellung und zeigen dass, was wir als Maskendeuter gelernt haben: Das Lächeln an der Augenpartie zu erkennen, was sonst nicht zu sehen ist. Aber es bleiben auch Rätsel: Lacht sie, oder lacht sie nicht?

Die Sucht nach Ausgelassenheit trifft auf die harte Realität der Corona-Regeln

Der Fotograf dokumentiert auch diejenigen, die seit zwei Jahren in Vollmontur unter harten Arbeitsbedingungen um die Leben von Covid-Kranken kämpfen, so auf der Intensivstation im Weender Krankenhaus. Es sind ungestellte Fotos, Momentaufnahmen. Beindruckt habe ihn oft auch, „wie viel Normalität doch in der Pandemiezeit war und ist“. Und das macht die Ausstellung so wertvoll.

Hier die harten Folgen von Einschränkungen im Alltag, Krankheit, Verlust. Dort die Lebensfreude, wenn junge Menschen scheinbar völlig losgelöst auf dem Wilhelmsplatz tanzen. Dann aber zieht Richter das Objektiv auf, im Weitwinkel wird deutlich, dass der „Willi“ von Polizeiautos und Beamten fast umstellt ist. Auch das war Göttingen 2020/2021: Die Sucht nach Ausgelassenheit trifft auf die harte Realität der Corona-Regeln.

„Eine neue und zuvor nicht vorstellbare Szenerie“ ‒ Die Pandemie-Erinnerungen werden wieder sichtbar

Und es gibt skurrile Szenen: Wie das Essen zu zweit im „Gewächshaus“ des „Bullerjahn“ und der Kuss zweier Maskentragender. Oder auf und in Autos Feiernde bei der Auto-Disco am Schützenplatz. „Das war sehr speziell. Eine neue und zuvor nicht vorstellbare Szenerie für mich“, sagt Richter.

Daneben hängen Fotos vom Open-Air-Gottesdienst. Und dann ist da die Leere und Baustelle im Club „Savoy“. Eine Ödnis statt schwitzenden, flirtender, tanzender jungen Menschen. Musikkonzerte aber gab es, draußen im Hof der Uni-Klinik – mit Zuhörer auf Balkonen.

„Stadt – Mensch – Pandemie“ ist ein zeitgeschichtliches Dokument

„Stadt – Mensch – Pandemie“ ist ein zeitgeschichtliches Dokument. Auch, weil mit Niklas Richter ein Fotograf hervorragend beobachtet und qualitativ hochwertige Bilder abgeliefert hat. Auf Ablehnung ist er übrigens fast nie gestoßen. „Eigentlich wollten sich alle fotografieren lassen.“

Im Foyer hat die Museum-Volontärin Iris Olszak einen historischen Abriss durch Pandemien geschaffen. Er rundet die Schau ab. Fazit: Eine überaus gelungene, eindrucksvolle, zeitgemäße Ausstellung im Städtischen Museum, die nicht zum Schnelldurchgang, dafür aber zum Mehrfachbesuch einlädt. (Thomas Kopietz)

Es gibt immer wieder Neuigkeiten rund um das Städtische Museum Göttingen. Erst Mitte März 2022 sprach der Geschichtsverein vom schlechten Zustand des Museums.

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