Im Städtischen Museum Göttingen 

Tora-Wimpel werden restauriert: Alte Windeln mit großem wissenschaftlichen Potenzial

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Der Tora Wimpel des Schmù’el von 1701: Er besticht durch reiche, gestickte Ornamente und zeigt verschiedene heimische Tiere.

Göttingen. Despektierlich gesagt sind es alte Windeln, doch sie besitzen ein großes wissenschaftliches Potenzial: Die 28 Tora-Wimpel aus der Sammlung des Städtischen Museums werden ab Ende April restauriert und katalogisiert.

Damit stehen sie künftig Wissenschaftlern aus aller Welt zu Forschungszwecken zur Verfügung.

Alles begann 2011. Bei der Aufarbeitung der Museumsbestände im Zuge der Auslagerung wurden die 28 Tora-Wimpel aus dem 17., 18. und 19. Jahrhundert wiederentdeckt. „Als wir dem Bestand 2011 wiederbegegnet sind, waren wir sofort interessiert“, erinnert sich Museumskuratorin Andrea Rechenberg, die für die Restauration und Katalogisierung zuständig ist. Welch ein verschollener Schatz sich im Göttinger Museum befindet, wurde aber erst im Laufe der Zeit klar. 2015 wurde das Projekt Tora-Wimpel dann endgültig in Angriff genommen.

Zuständig für die Restaurierung, die von der VGH-Stiftung, der Klosterkammer Hannover und dem Landesverband der jüdischen Gemeinden mit insgesamt 35 000 Euro gefördert wird, ist Andrea Hinkel. Um der Bedeutung des Bestandes gerecht zu werden, wird während der Restaurierung eine Fotodokumentation aller Objekte erstellt. Diese Dokumentation soll in einen Bestandskatalog münden, dessen Drucklegung mit 20 000 Euro von der Ernst von Siemens Stiftung gefördert wird.

Setzen sich für die Erhaltung eines Göttinger Kulturgutes ein: Museumsleiter Dr. Ernst Böhme, Michael Heinrich Schormann (stellvertretender Geschäftsführer VGH-Stiftung), Hermann Otter (Calenberg-Grubenhagensche Landschaft), Andreas Hesse (Kammerdirektor Klosterkammer Hannover), Hanns-Christoph Lutz (Vertriebsleiter VGH Göttingen), Museums-Kuratorin Andrea Rechenberg und Volotärin Izabela Mihaljevic hinter zwei Göttinger Tora-Wimpeln.

Das Besondere an den Göttinger Tora-Wimpeln ist deren „regionale Geschlossenheit“, wie Museumsleiter Dr. Ernst Böhme erklärt. Im Unterschied zu anderen Sammlungen könne bei den Göttinger Objekten sehr genau nachverfolgt werden, von welchen Personen sie stammten. Rechenberg wies zudem darauf hin, dass auch das Alter der Wimpel eine Besonderheit darstellt. Zwei der 28 Objekte stammen aus dem 17. Jahrhundert, 20 aus dem 18. Jahrhundert und sechs aus dem 19. Jahrhundert.

„Die Tora-Wimpel sind einzigartige Sachzeugen für jüdisches Leben insbesondere in Südniedersachsen und von außergewöhnlichem kulturellen Wert. Der älteste unserer Wimpel wurde 1649 für einen Jungen namens Nathan gefertigt und ist sehr aufwendig verziert“, sagt Böhme. Sieben der Objekte können Göttinger Familien zugeordnet werden, 19 stammen aus der ehemals bedeutenden jüdischen Gemeinde in Adelebsen („Jerusalem von Südhannover“) und lassen sich ebenfalls Familien zuordnen.

Das ist es, was Böhme als „regionale Geschlossenheit“ bezeichnet und was den Wert dieser Wimpel ausmacht. Durch die Zuordnung der Objekte können sich Forschungsfragen entwickeln, die bei anderen Sammlungen dieser Art so nicht möglich wären. Die bisherigen Forschungen haben bereits einige Rückschlüsse ergeben.

Die Tora-Wimpel als wichtige Zeugen der Zeit

Tora-Wimpel sind eine typisch deutsche Tradition des Judentums. Heutzutage lebt sie noch in einigen jüdischen Gemeinden in den USA fort. Die etwa 20 Zentimeter hohen und bis zu drei Meter langen Binden aus Leinenstoff – gebastelt aus der Windel – werden traditionell zur Beschneidung eines Jungen hergestellt. Beschriftet werden sie mit dem Namen, Geburtsdatum, Sternzeichen und Segensformeln für ein gottgefälliges Leben. Nach der Beschneidung werden die Wimpel sorgsam aufbewahrt und zu allen wichtigen religiösen Festen des Lebenskreises in der Synagoge hervorgeholt. Dabei dienen sie als schützende Umhüllung der Tora-Rollen. 

Der Tora-Wimpel des Josef Gumprecht stammt aus dem Jahr 1772 und gehörte einer Person, die später Medizin studierte und zum Christentum konvertierte.

Die bisherigen Untersuchungen der Göttinger Objekte haben schon einige interessante Rückschlüsse zugelassen. Aus der Tatsache, dass jüdische Bürger die Wimpel Ende des 19. Jahrhunderts/Anfang des 20. Jahrhunderts dem frischgegründete Städtischen Museum Göttingen überließen, zeigt, dass sich die Juden in Südniedersachsen als deutsche oder Göttinger Bürger fühlten und sahen. Der persönliche Glaube war also nicht der Hauptaspekt der Identität. 

Das lässt sich auch sehr schön an den teils gestickten Motiven auf den Tora-Wimpeln ablesen. Das waren nämlich keine rein jüdischen Symbole. Ein anderer interessanter Aspekt ist die Gestaltung der Tora-Wimpel. Die darauf abgebildeten Personen sind jeweils zeit-typisch gekleidet, wie Andrea Rechenberg, Kuratorin des Städtischen Museums Göttingen sagt. Zudem würden die Wimpel „im Laufe der Zeit immer schlichter und normierter“. Die Texte zeigen ebenfalls Varianten. Schreibweisen und Abkürzungen seien teilweise sehr individuell, wie Rechenberg betont. 

Das sind Ansätze, die mit der vollständigen Katalogisierung des Bestandes nun von Wissenschaftlern auf der ganzen Welt verfolgt werden können. Und zwar ohne die Objekte zu berühren. Weitere Forschungsthemen im Zusammenhang mit den Göttinger Tora-Wimpeln werden in den kommenden Jahren hinzukommen, ist sich Museumsleiter Dr. Ernst Böhme sicher: „Ich bin gespannt, was sich im Laufe der Zeit noch an wissenschaftlichen Fragen ergibt.“

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