„Lohnende Geschäfte“ ein Standardwerk

Starb in Berlin: Autor Alex Bruns-Wüstefeld schrieb über die „Entjudung“ in Göttingen

Porträt Autor Alex Bruns-Wüstefeld
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Starb in Berlin: Autor Alex Bruns-Wüstefeld.

„Lohnende Geschäfte“ beschreibt detailliert das Schicksal der jüdischen Geschäftsleute während der Nazi-Zeit in Göttingen. Nun ist Autor Alex Bruns-Wüstefeld gestorben.

Göttingen/Berlin - Das Werk Bruns-Wüstefelds ist ein wichtiges Standardwerk der Literatur über Göttingen. Er hat die Informationen in dem 320-Seiten-Buch „Lohnende Geschäfte“ in einer wahren Fleißarbeit zusammengetragen, dass seit Anfang der 90er-Jahre und bis 1997 als „Lohnende Geschäfte“ erschien.

Gelohnt hat sich die Deportation in die Konzentrationslager und die Flucht der Juden für jene, die deren oft gut laufenden Unternehmen abgriffen, sich bereicherten, letztlich vom Rassenwahn der Nazis profitierten.

Vielleicht hätte Alex Bruns-Wüstefeld dem Buchtitel noch das Adjektiv „schmutzig“ hinzufügen sollen. Sie lebten gut damit, denn die Unternehmen und Geschäfte in der Göttinger Innenstadt hatten einen Namen, auf dem sich aufbauen ließ, fortan aber mit anderer Firma und Titel. Was das Gewissen sagte, wissen wir nicht.

Autor Bruns-Wüstefeld machte sich also Anfang der 90er an ein Thema, dass kaum einer zuvor in Göttingen thematisiert und schon gar nicht derart akribisch aufgearbeitet hatte – warum wohl nicht? Der Geologiestudent Bruns-Wüstefeld wurde zum Nestbeschmutzer.

Und so warfen ihm manche Hindernisse in den Weg. „Man sprach ihm die Wissenschaftlichkeit seines Untersuchungsansatzes ab“, schreibt die Geschichtswerkstatt Göttingen, die die Arbeit unterstützte. Mehr noch: Bruns-Wüstefeld wurden in Göttingen Aktenzugänge verweigert. Aber er blieb dran, besorgte sich Gutachten, klagte vor dem Verwaltungsgericht.

Mit Erfolg: Er erhielt in Göttingen Zutritt zum Archiv, hatte aber längst im Landesarchiv seiner Heimatstadt Hannover recherchiert, wertete dort Rückerstattungs- und Entschädigungsakten aus, stieß auf Lebenswege und Schicksale Göttinger Juden. Wie deren der Familie Nußbaum, die sich mühsam in den 20er-Jahren als Geschäftsleute etablieren, schließlich ein Textilkaufhaus am Papendiek 29 eröffnen, das auch die „Große Depression“ 1929 überlebt.

Am 28. März 1933 aber fliegen Steine in die Schaufenster. Ein Konkursverfahren läuft bald, noch einmal schafft es Isidor Nußbaum das Unternehmen flott zu machen. 1937 ist Schluss. Ein Konkurrent übernimmt den Laden. Isidor Nußbaum schlägt sich fortan durch, auch als Arbeiter für Hungerlöhne. In der Pogromnacht wird er in Schutzhaft genommen.

1941 weist die Gestapo die Nußbaums ins „Judenhaus“ ein. Im März 1942 werden sie deportiert, nach Warschau ins Ghetto. Ihr Status bis heute: verschollen. Bruns-Wüstefeld beschreibt all das nüchtern und deshalb mit hoher Eindringlichkeit. Dass er das dem NS-Jargon ähnlihce Wort „Entjudung“ zur Beschreibung nutzt, hätte das Lektorat vermeiden können.

Heinz Rosenberg schreibt ein zweiseitiges Nachwort. Er möchte über seine Familiengeschichte erzählen. „Nur durch Kenntnis der Vergangenheit, die so grausam sie auch war, können die heutigen Generationen und zukünftige Lernen und hoffentlich eine neue Welt bauen ohne Krieg, Hass, Dikatur und Hunger.“ Heinz Rosenberg hatte tausende Tote in Gefangenschaft gesehen.

Ende April ist auch Alex Bruns-Wüstefeld mit gerade einmal 62 Jahren in Berlin gestorben. Zu früh. Doch „Lohnende Geschäfte“ bleibt als Vermächtnis. Eine Studie, die schilderte, was viel zu lange verborgen lag. Für den Tabubruch gebührt dem Autor großer Dank. Dessen Arbeit wurde vor einigen Jahren auch mit einem beeindruckenden Stück im Deutschen Theater gewürdigt. (Thomas Kopietz)

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