Kunstquartier Innenstadt

Steidl und sein Traum einer Galerie: das Kunsthaus Göttingen feiert Richtfest

Richtfest am Freitag: Das Kunsthaus Göttingen, ein neues Galeriegebäude in der Düsteren Straße, gleich neben dem Günter-Grass-Archiv, wird am Freitag gerichtet. Es soll am September 2020 Gegenwartskunst von internationalem Rang in Göttingen präsentieren. Dafür stehen namhafte Kuratoren und Unterstützer bereit. Foto: Thomas Kopietz

Das Kunsthaus wächst: In der Düsteren Straße wird für die künftige Galerie heute Richtfest gefeiert. Mit im Boot ist auch Sponsor Sartorius.

Neben einem der ältesten Fachwerkhäuser Göttingens, dem von Verleger Gerhard Steidl sanierten Günter-Grass-Archiv, wächst ein wuchtiges, dreigeschossiges Betongebäude: das Kunsthaus, eine Galerie im künftigen Kunstquartier, wird heute gerichtet. Der Stilbruch von Fachwerk und Beton ist gewollt und zweckorientiert.

Fensterlose Ausstellungsräume

Die Galerie mit ihren hohen Räumen ist fensterlos. Das Anschauen der Ausstellungsstücke soll nicht vom Lichteinfall durch Fenster beeinträchtigt werden, sagt Gerhard Steidl. Der Buchmacher und Verleger weiß, wie wichtig optimale Raumbedingungen sind, denn Steidl beschäftigt sich seit Langem auch mit der Präsentation von internationaler Gegenwartskunst, besonders Fotografien, gestaltet weltweit Top-Ausstellungen.

Eintritt wird frei sein

Die Schwelle zum Anschauen der Gegenwartskunst von internationalem Rang soll laut Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler im Kunsthaus ab Herbst 2020 niedrig sein. „Was nutzt eine tolle Galerie, von der Menschen über hohe Eintrittspreise ausgeschlossen werden?“, fragt Köhler rhetorisch. Aber wie soll das funktionieren, wenn allein die Betriebskosten jährlich etwa 450 000 Euro betragen?

Sartorius macht es möglich

Kunsthaus Göttingen: von links mit dem Förderer Dr. Joachim Kreuzburg (Sartorius), Gerhard Steidl und Oberbürgermeister Rolf-Georg Köhler. Foto: Thomas Kopietz

Die Antwort liefert der global operierende Göttinger Bio-Medizin- und Labortechnik-Konzern Sartorius. Das Engagement kommt nicht von ungefähr: Sartorius unterstützt auch die Uni, den Sport mit Basketball-Bundesligist BG und den Göttinger Literaturherbst. 

Auch Bildungsarbeit für Junge

Nun fließen 150 000 Euro pro Jahr in die Ticketkasse und ein Seminarprogramm des Kunsthauses, indem auch Bildungsarbeit, vor allem für junge Menschen, stattfinden soll. Eintritt frei, wird es dort heißen. „Das ist eine Geste von enormer Bedeutung für uns“, freut sich Köhler. Steidl ist „sehr glücklich“ darüber, auch, weil sich so „die Besucherzahlen recht schnell auf einem hohen Niveau einpendeln werden, wie wir es für Göttingen nicht kennen“.

Göttingen wird attraktiver

Der „Kultur-Einsatz“ von Sartorius ist nicht uneigennützig: „Um als Arbeitgeber attraktiv zu sein, brauchen wir eine attraktive Stadt, und das Kunsthaus stärkt die Attraktivität“, sagt Sartorius-Vorstandschef Joachim Kreuzburg. Ein weiterer Kunstförderer aus Überzeugung für das Projekt: Hans Georg Näder, Chef des Duderstädter Medizintechnik-Konzerns Ottobock. Er gibt eine Million Euro.

Idee seit Göttinger Kunstmarkt 

Gerhard Steidl hängt der Idee einer vorzüglichen Kunsthalle in seiner Heimatstadt seit fünf Jahrzehnten nach, seit jenen wilden Tagen des Göttinger Kunstmarktes Ende der 60er. Er hat sie sich trotz Rückschlägen und Miesepetern nie austreiben lassen, hat das Projekt angeschoben, auch mit der aus eigener Tasche bezahlten Sanierung des Grass-Archivs. Vor der historischen Lehmwand im Inneren präsentiert die Stadt denn auch Sponsorenschaft und andeutungsweise die Programmpläne für die Kunsthalle.

Drei Künstler sind gebucht

Steidl aber hält sich noch zurück: „Dazu möchte ich noch nichts Konkretes sagen. Die ersten drei Künstler sind gebucht.“ Klar ist: Er wird seine Kontakte zu Fotografen von Weltruf nutzen. Dann wären auch in der Verlosung: Robert Frank, Richard Serra, Arnold Odermatt und Edward S. Curtis.

Vorbild Folkwang

Als Vorbild für das Kunsthaus sieht Steidl auch das Museum Folkwang in Essen. Dort hat er kräftig mitgewirkt. Helfen wird als Kuratoin eine Frau, die auch im Folkwang Museum wirkte: Ute Eskildsen. 

Als Manager steht Alfons von Uslar bereit. Er möchte die "wunderbare Sache" unterstützen, wie er sagt. Und: das weitgehend ehrenamtlich. Ebenfalls als Gast-Kurator dabei ist Joshua Chuang, der an der Yale-Universität lehrt und mit tollen Fotografen wie Robert Adams und Mark Ruwedel gearbeitet hat.

Sollte Göttingens Kunsthaus am Ende so erfolgreich sein wie Folkwang, dann hegt Oberbürgermeister Köhler eine Hoffnung:  „Dann könnten wir ja vielleicht auch einmal als documenta-Außen-Ort interessant werden“. 

VON THOMAS KOPIETZ

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