Promotionskolleg Uni-Medizin-Göttingen

Steine auf dem Weg zum Gipfel - Nobelpreisträger Prof. Dr. Stefan Hell erzählt über sein Leben

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Voller Hörsaal in der Uni-Klinik: Nobelpreisträger Prof. Dr. Stefan Hell (links) trug beim Promotionskolleg der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) vor. Prof. Dr. Matthias Dobbelstein sprach die einleitenden Worte. 

Ein Nobelpreisträger im Promotionskolleg der Uni-Medizin-Göttingen: Stefan Hell sorgt für einen rappelvollen Hörsaal.

Göttingen – Ärzte, Doktoren, Professoren und ehemalige Größen der Uni-Klinik sind gekommen und fragen sich: Wie mag er wohl sein, der Nobelpreisträger für Chemie von 2014 und Direktor am Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie in Göttingen?

Nobelpreisträger spricht vor 250 Zuhörern

Erster Eindruck: normal. Stefan Hell sucht den Hörsaal, findet ihn rechtzeitig und freut sich, in den Raum schauend, wie sich jeder verfügbare Platz – auch auf Treppen und Fußboden – füllt.

Prof. Dr. Matthias Dobbelstein, Molekular-Onkologe an der UMG, hat es leicht, einleitende Worte zu sprechen, denn der Lebenslauf des Stefan Hell ist Gegenstand des Vortrags: Er wird über den „schmalen Grat zwischen Erfolg und Misserfolg (in der Wissenschaft) berichten“, einen Grat, an dem er lange wandern musste. 

Der Weg in den Hörsaal ist für Hell aber ein einfacher. Er fühlt sich sichtlich wohl vor den etwa 250 Zuhörern.

Viele Jahre voller Enttäuschung - aber Glaube, dass es funktionieren wird ist stärker

Sagen Sie einfach: „Da isser und prima!“. Den Tipp Hells gibt Dobbelstein prompt weiter: „Da isser und prima!“ Artig bedankt sich Hell für den „tollen Applaus“. Dann zeigt Hell eine Folie, die er seit 20 Jahren gezeigt hat, um „mögliche Geldgeber zu überzeugen“. Oft ohne Erfolg. 

Zu sehen ist darauf die Mikroskopie-Entwicklung und der Punkt, dem sich Hell zunächst als Einziger widmete – der Grenze der Lichtmikroskop-Auflösung und dem Ziel, sie zu knacken. Davor aber lagen Jahre, gespickt mit Enttäuschungen, dass ihn niemand unterstützen wollte. Aber die Idee und der Glaube daran, „dass es funktionieren wird“ sind stärker.

Auch gegen Zweifler - "Es wird funktionieren!"

Wie hat sich das angefühlt, als sie die Idee mit dem An-Aus-Modus hatten?“, fragt am Ende eine Studentin. Der Denker Hell muss erstaunlich lange überlegen. „Ich war begeistert, an jenem trüben Samstag in Turku. Am Sonntag, nach dem Aufwachen, kamen die Zweifel. Am Montag dachte ich: „Es wird funktionieren!“ Hell erzählte es seinem zweifelnden Professor: „It works!“. Der antwortete: „On Paper..“

Gegen Widerstand - Science und Nature lehnten ab

Apropos Paper: Die renommierten Wissenschaftspublikationen „Science“ und „Nature“ lehnten gar die Veröffentlichung ab, auch als Hell in den Redaktionen anrief. Den Durchbruch brachte ein Text in einer kleinen Wissenschaftszeitschrift. Aber: Eine Anstellung und Geld hatte er auch sieben Jahre nach seiner Promotion noch immer nicht. „Ich wollte nur eine Stelle, festes Gehalt, eine Sozialversicherung“.

Dann erzählt er von seiner Arbeit für die Promotion. Hell prüfte Mikrochips für die Industrie. Er, der alles, vor allem theoretische Physik, also das große Rad drehen, aber keine Anwendungsforschung machen wollte. „Das war schlimm, ich hatte keine Lust auf diese Arbeit.“

STED im Schulbuch

Nun wird seine STED-Mikroskopie in Schulbüchern erklärt. Der, wie er lachend sagt, „arrogante Physiker, der nie „Lebenswissenschaft wie Medizin machen wollte“, hat es zudem geschafft über seine Firmengründung Abberior die sündhaft teuren Geräte in vielen Forschungslaboren zu platzieren. Dort wird in lebende Zellen und auf Proteine geschaut, viel klarer, als sich das Ernst Abbe je hätte erträumen lassen.

Weiterentwicklung - Mit-Nobelpreisträger aus USA

Die Entwicklung von 2014 hat er mit seinem Team und einem zweiten Verfahren, dass seine Mit-Nobelpreisträger aus den USA entwickelten, gepaart. Jetzt ist es noch leistungsfähiger. Forscher sehen das klar, in einer lebenden Zelle mit Farben markiert, was Menschen nie zuvor gesehen haben – dank Stefan Hell, dem deutschstämmigen Mann, der in seiner Heimat nichts werden konnte, seine Eltern zum Umzug nach Deutschland bewegte und beharrlich seinen Weg ging – bis auf den Gipfel, bis zum Nobelpreis..

Überzeugung - Konsens herausfordern

Heute hat er große Freude daran, diese faszinierende Lebensgeschichte vor Studenten und Professoren zu erzählen, mit exakter Klarheit, Humor und der Botschaft: „Wenn man überzeugt ist, soll man nicht nachgeben. Das ist aber nicht einfach.“ Und: „Es macht Sinn, den Konsens immer wieder herauszufordern. Das trifft aber nicht auf Zustimmung vieler.“

Natur als Freund

Am Ende, nach 90 Minuten und Fragen aus dem Publikum sagt Stefan Hell: „Die Natur war der stärkste Freund.“ Der Physiker hat Medizinern neue Einblicke ermöglicht – für die Erforschung der Vorgänge in Zellen – auch zum Verständnis von Krankheiten. Hell ist – doch – in der Lebenswissenschaft und Anwendungsarbeit angekommen.

Sein Vortrag im Uni-Medizin Hörsaal jedenfalls begeistert: „Das war wunderbar, unglaublich motivierend“, sagt eine Biologie-Studentin.

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