Erinnerungen an Opfer der NS-Zeit

Stolpersteine sind ab März in Göttingen zu sehen

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Einen Stein gibt es in Göttingen: Eine Privatinitiative von Anwohnern und ein Schülerprojekt gaben den Anstoß für den Stolperstein vor dem Haus Bühlstraße 4 in Göttingen in der Nähe des Deutschen Theaters.

Göttingen. Der Streit um Stolpersteine, die an jüdische Opfer der NS-Zeit erinnern sollen, ist beendet. Ab März werden vor den Häusern der Getöteten Messingsteine an sie erinnern.

Die Stolpersteine kosten 125 Euro und werden von Künstler Gunter Demnig in Handarbeit gefertigt, um einen Gegensatz zur maschinellen Tötung der Nazis herzustellen. Demnig habe aber mitgeteilt, dass er nur zehn Steine verlegen könne, da die Nachfrage auch international groß sei. Die nächsten könnten 2016 verlegt werden.

Bettina Kratz-Ritter von der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Göttingen (GCJZ) sagt: „Wir beginnen in der Groner Straße 9 vor dem Geschäft Waffen Hüsing, das früher dem Ehepaar Katz gehörte.“ Das Ehepaar Katz hatte versucht auszuwandern, doch nur die Kinder haben es geschafft. Nächste Station wird am Papendiek 26 sein, wo die Familie Asser wohnte. Als dritten Ort kommt die Weender Landstraße 12 in Frage, wo sich Maler Hermann Hirsch nach Repressalien „in den Suizid flüchtete“.

Um die Göttinger Stolpersteine wird seit langem gestritten. Die Auseinandersetzung war 2002 bei einem Info-Abend entbrannt, berichtete jetzt Heiner Willen, Vorsitzender der GCJZ. Die Jüdische Gemeinde war für diese Form des Erinnerns an Verschleppung und Töten. Sie wollte, wie auch die Vorsitzende Jaqueline Jürgenliemk sagte, möglichst viele Gedenksteine setzten. Befürworter argumentierten: Menschen, die die Steine betrachten wollten, sich erst zu ihnen herunterbeugen müssten, so würden sie sich vor den Opfern verneigen.

Die Jüdische Kultusgemeinde hielt diese Form des Gedenkens für nicht tolerabel, auch weil man die Steine mit Füßen treten würde, die Opfer so ein zweites Mal entehrt würden, wie die Vorsitzende der Kultusgemeinde, Eva Tichauer-Moritz, argumentierte.

Die Folge: Das Projekt, das andernorts längst etabliert war, lag zehn Jahre auf Eis. Befürworter sagen hingegen, dass Am 26. Mai 2012 hat die GCJZ Künstler Demnig eingeladen, um einen Stolperstein auf einem Privatgrundstück zu verlegen. Man habe die Diskussion so wieder aufnehmen wollen, sagt Willen: „Ich bin froh, dass das geglückt ist“. In der Zwischenzeit hätten sich viele Menschen gemeldet, die Steine legen lassen wollten. Schließlich einigte man sich darauf, dass in Göttingen Stolpersteine verlegt werden, sofern Angehörige zustimmen. Bei den vielen Anfragen sei es jedoch schwer gewesen, sich auf zehn Steine zu einigen.

Dagmar Schlapeit-Beck, Dezernentin für Soziales und Kultur: „Es ist ein großer Schritt für die Stadt, dass wir nun zu dieser Entscheidung gekommen sind.“ Die Stadt hilft mit dem Archiv auch bei der Recherche und beteiligt sich an der Verlegung.

Von Jürgen von Polier und Thomas Kopietz

Hintergrund

In mehr als 500 Gemeinden in Deutschland wurden mittlerweile die Stolpersteine des Göttingen Künstlers Gunter Demnig gesetzt. In Göttingen gab es bislang nur einen: Er liegt vor dem Hauseingang Bühlstraße 4 und wurde auf Initiative der Bewohner dort eingelassen. Den Anstoß hatten Schüler der Klasse 10 R 1 der Bonifatius-Schule gegeben. Für die Projektwoche „Judentum in Stadt und Landkreis Göttingen“ recherchierten sie und stießen auf das Schicksal der Familie Steinberg, die in der Bühlstraße 4 gelebt hatte und deportiert worden war. Die Schüler fanden auch eine betagte Zeitzeugin, die mit den Steinbergs in dem Haus gelebt hatte. Hedwig Steinberg, der der Stein gewidmet ist, erwischte es am 21. Juli 1942. Ihre Spur verlor sich danach. Wo blieb Hedwig und wo endete ihr Leben? Die Gravur auf dem Stein stellt genau diese Frage: „Theresienstadt, Minsk, ???"

An sie soll in Göttingen erinnert werden:

Familie Katz, Leopold, Mathilde, Ludolf und Rosa Katz, Haus Groner Straße 9

Familie Asser, Kurt, Lissy, Julius und Jenny Asser, Haus Papendiek 26

Bertha Fernich Hermann Hirsch

Die Texte könnten beispielhaft wie folgt lauten: „Hier wohnte Leopold Katz, Jahrgang 1875, deportiert 1942, im Ghetto Warschau ermordet.“ Für die Steine werden noch Paten gesucht, die bei dem Projekt helfen wollen. Paten können Privatpersonen, Schulen, Firmen, Parteien und Stiftungen sein. (tko)

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