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Straßensozialarbeit in Göttingen: Postanschrift, Kontoverbindung und viel Hilfe

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Von: Michael Caspar

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Hilft anderthalb Stunden lang in der Zahlstelle des Göttinger Vereins Förderer mit: Karola Margraf mit Projektleiter Uwe Friebe.
Hilft anderthalb Stunden lang in der Zahlstelle des Göttinger Vereins Förderer mit: Karola Margraf mit Projektleiter Uwe Friebe. © Michael Caspar

Bedürftigen Menschen hilft der Göttinger Verein Förderer – Wohnungslosenhilfe Göttingen. Er bietet Postanschrift, eine Kontoverbindung und viel Unterstützung.

Göttingen – Eine Postanschrift, eine Kontoverbindung und viel Unterstützung bietet der Verein Förderer – Wohnungslosenhilfe Göttingen seit 2004 armen, häufig suchtkranken und zum Teil obdachlosen Menschen.

„Selbst die von Städten und Gemeinden getragenen Sparkassen gewähren nicht jedem ein eigenes Konto“, berichtet Projektleiter Uwe Friebe der Göttinger Landtagskandidatin Karola Margraf (SPD).

Ein Schufa-Eintrag aufgrund unbeglichener Schulden, mangelnde Körperhygiene, verstörende Verhaltensweisen oder geringe Einkünfte können der Grund für die Ablehnung sein.

Das Problem der Betroffenen: Wie sollen sie ohne Konto Rechnungen bargeldos begleichen oder Geldbußen abstottern? Wohin kann die Kommune Sozialtransfers überweisen?

Gut 120 Menschen nutzen daher das Treuhandkonto der Göttinger Vereins, den die Sparkasse mit vergünstigten Konditionen und Spenden unterstützt. Manche der Klienten heben einmal im Monat am Vereinssitz am Rosdorfer Weg 17 ihr Geld ab. Andere kommen alle drei Tage für geringere Beträge, weil sie Schwierigkeiten mit dem Einteilen ihrer Einkünfte haben. Kassenwart Friebe nimmt die Buchungen jeweils am Rechner vor. An diesem Tag hilft ihm die SPD-Landtagskandidatin Margraf für anderthalb Stunden, führt parallel Kontoblätter, die mehrere Aktenordner füllen. Die Klienten quittieren bei ihr den Empfang.

Nicht wenige der Besucher, von denen drei Viertel gewohnheitsmäßig Rauschmittel wie Alkohol, Heroin oder das Aufputschmittel MDPV (Flex) konsumieren, lassen Friebe fällige Überweisungen für Miete, Strom oder das Schul-Essensgeld abwickeln. Manche müssen auch Schulden abzahlen. So werden keine Verbindlichkeiten vergessen, was nur zu neuen Unannehmlichkeiten führen würde.

70 Personen bekommen ihre Post an den Verein geschickt. „Das macht uns viel Arbeit“, sagt Projektmitarbeiterin Elke Niemeyer-Friebe. Denn mit dem Ausgeben der Briefe allein ist es nicht getan. Einige Klienten würden von sich aus ihre Post nie öffnen. Sie lassen sie liegen oder werfen sie in den Müll. So schaut der Verein in die Umschläge und kümmert sich um die Anliegen.

Und auch wer sich seiner Angelegenheiten selbst annimmt, ist oft überfordert von den Anschreiben der Ämter, der Justiz oder der Vermieter. Dann hilft Diplom-Pädagogion Niemeyer-Friebe.

Ein aktueller Fall: Eine 34-Jährige droht mit ihrer zehnjährigen Tochter auf der Straße zu landen, weil sie bei ihrem Vermieter mit 3000 Euro in den Miesen steht. Sie hat ihre Mitkaution noch immer nicht eingezahlt. Zudem sind Nebenkosten aus 2020 und 2021 nachzuzahlen. Erschwert wird alles, weil ihr der Führerschein entzogen worden ist. Deswegen hat der Arbeitgeber, ein Pflegedienst, der Frau gekündigt. Sie fährt nun mit dem Motorroller zu ihrer neuen Stelle als Servicekraft. Anspruch auf Transferleistungen hat sie nicht. Sie lag immer gerade so über dem Satz. Weitere Infos gibt es hier. (Michael Caspar)

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