Streaming- statt Präsenz-Auftritte wegen Corona

Online-Angebote des Jungen Theaters Göttingen sind beliebt – auch bei Schulen

Zwei Herren jüngeren bis mittleren Alters sitzen auf einer Theaterbühne in Abstand voneinander auf Stühlen.
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Im großen Saal des Jungen Theaters Göttingen: Unter anderem Schauspieler Jens Tramsen (links) und Intendant Nico Dietrich sprachen in einer Videokonferenz über die Erfahrungen beim Online-Theater. (Screenshot/Zoom)

Wegen Corona bietet das Junge Theater Göttingen Auftritte als Streams an. Auch Schulen können es buchen. Das Live-Auftreten online ist dabei für alle Beteiligten Neuland.

Göttingen – Applaudieren in einem Theater ist etwas Gewöhnliches. Dabei aber gezielt darauf achten zu müssen, auch noch zu jubeln, ist neu. Genau das ist bei Online-Auftritten des Jungen Theaters Göttingen allerdings nötig, damit die Videokonferenz-Software Zoom den Applaus nicht als Störgeräusch einstuft und bei der Übertragung unterdrückt.

Diese und weitere neue Erfahrungen machten die Schauspieler des Jungen Theaters jetzt bei ihrem ersten für eine Schule übertragenen Auftritt.

Das Besondere daran: Die Schauspieler spielen live und noch dazu nur ausgewählte Szenen aus E.T.A. Hoffmanns „Der goldne Topf“ für weiterführende Schulen.

Szenenhafte Art der Inszenierung ist für Theater Neuland

Dadurch haben sie sogar die Möglichkeit, mit dem Publikum direkt in Kontakt zu treten. „Wir wollten die Leute aus dem dumpfen Streaming rausholen“, sagt Theater-Intendant Nico Dietrich.

Reaktionen der Schüler habe man bei dem Live-Auftritt über die Direktnachrichten-Funktion von Zoom erhalten. Viele hätten sich nicht getraut, die Videofunktion ihrer eigenen mobilen Endgeräte einzuschalten, wie der Intendant vermutet.

Vor schwarzen Bildern zu spielen sei für die Schauspieler dabei sehr ungewohnt. Schauspielerin Agnes Giese sieht das allerdings weniger problematisch: „Ich weiß ja, dass das Publikum da ist“, sagt sie.

Auch die ausschnitthafte Art der Theater-Inszenierung ist für das Junge Theater Neuland und gleiche eher einer „Stop and Go-Präsentation“, sagt Dietrich. Doch der Aufwand lohne sich: Ein „gutes Dutzend“ Anfragen von Schulen habe das Junge Theater bereits erhalten. „Wir sind eine willkommene Ablenkung“, sagt Dietrich.

Balladentelefone und Wiener Liederabend kommen gut an

Doch auch über Schulen hinaus werden die Online-Angebote des Jungen Theaters genutzt. Vor allem das sogenannte „Balladentelefon“ erfreut sich großer Beliebtheit. Dabei werden unterschiedliche Programmpunkte von jeweils einem Theatermitglied in einer Art Privatvorstellung gespielt.

In eine solche Veranstaltung einwählen kann sich nur ein Endgerät. Im Schnitt nehmen aber trotzdem drei bis vier Personen teil, die zusammensitzen, sagt Dietrich.

Schauspieler Jan Reinartz spricht via Videokonferenz aus einem bei sich zuhause für das Balladentelefon eingerichteten Raum über seine Erfahrungen. (Screenshot/Zoom)

350 Gäste habe das Junge Theater in 121 Vorstellungen bisher „eins zu eins bespielt“, wie er sagt. „Wir haben da jetzt eine Reichweite, die ist enorm“, sagt auch Schauspieler Jan Reinartz, der selbst bereits viele Balladentelefone absolviert hat.

Ebenfalls beliebt ist der „Wiener Liederabend“, eine Online-Übertragung aus dem großen Theatersaal und mit voller Kostümierung. Bei den drei vergangenen Vorstellungen gab es über Zoom insgesamt 350 Teilnehmer und bis zu 1000 Gäste im Videochat.

Großes Bedürfnis nach Zusammensein bei den Zuschauern

„Das ist dann, wie wenn man ausgeht“, sagt Dietrich. Denn viele Gäste, die auch ihre Videofunktion einschalten, ziehen sich genauso schick an, als würden sie tatsächlich ins Theater gehen.

Das anschließende Gespräch mit dem Publikum nehme dann sogar fast mehr Zeit ein als das Theater selbst, sagt Nico Dietrich. „Dieses große Bedürfnis nach Zusammensein ist fast stärker als das nach Kunst und Kultur“, schildert er. Die vorerst letzte Vorstellung des Liederabends gibt es am Freitag, 26. März ab 20 Uhr.

Auch für die kommende Zeit gehen dem Jungen Theater die Ideen nicht aus: So plane man ab Freitag, 9. April, immer freitags live übertragene Konzerte. Informationen unter junges-theater.de.

Einzelvorstellungen sind deutlich intimer

Bei dem „Balladentelefon“ des Göttinger Jungen Theaters spielt jeweils ein Theatermitglied allein Programmpunkte vor. Zuschauen kann man nur über ein einziges mobiles Endgerät. Im Schnitt nehmen drei bis vier zusammensitzende Menschen daran teil.

„Das ist ein echtes Abenteuer“, sagt Schauspieler Jan Reinartz. Er präsentiert beispielsweise Gedichte und Lieder von Heinz Erhardt. Lassen die Zuschauer ebenfalls die Videofunktion ihres Geräts angeschaltet, sei der Kontakt beim Balladentelefon deutlich direkter, da er nicht für eine große Masse spielt.

Anfangs seien die Einzelvorstellungen ein „merkwürdiges Gefühl“ gewesen, berichtet Schauspielerin Katharina Brehl. „Da gibt es dann teilweise Situationen, wenn man hört, dass der gegenüber Müsli isst, weil er sein Mikrofon nicht ausgestellt hat.“

Publikum kommt aus vielen weiter entfernten Regionen

Michael Johannes Mayer geht es ähnlich: „Ich sehe das eher als Ergänzung zum normalen Theater.“ Vor allem zu schaffen mache ihm als Schauspieler aber, wenn er keine direkte Reaktion des Publikums sieht, wenn deren Bildschirm und Mikrofon ausgestellt sind.

Gibt es jedoch Reaktionen, dann treten diese oftmals zeitverzögert auf. „Das ist für den Spielfluss etwas komisch, wenn die Reaktion auf einen Scherz wegen der Übertragung verspätet kommt.“

Im Gegensatz zum herkömmlichen Theater kommt das Publikum darüber hinaus oftmals aus weiter entfernten Regionen. Bereits öfters wurde Theater-Intendant Nico Dietrich auf seine Aussage, sich bei einer hoffentlich baldigen Öffnung des Theaters zu sehen, abgesagt mit Begründungen wie: „Das geht nicht, ich komme nämlich aus Flensburg“. (Jan Trieselmann)

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