Streit um Beiträge

Unterstützung für das "Kraftpaket" Pflegekammer: Forscher und Uni-Pflegechefin sehen Notwendigkeit

Umkehrschwung: Sandra Mehmecke, Präsidentin der Pflegekammer Niedersachsen, sprach nach heftiger Kritik mit Sozialministerin Carola Reimann über die Höhe der Pflegekammer-Beiträge und Änderungen. Foto: holger Hollemann/dpa

Göttingen. Der Druck von mehr als 41 000 Pflegekräften zeigt Wirkung. Eine Arbeitsgruppe soll die umstrittene Beitragsordnung der Pflegekammer ändern. 

Die Protestierenden fordern sogar die Abschaffung der neuen Institution, um deren Gründung freilich lange gerungen wurde. Die Beseitigung aber hätte fatale Folgen, sagt Helle Dokken, Pflegedirektorin an der Universitätsmedizin Göttingen (UMG).

„Die Pflege ist in Deutschland kaum organisiert, die Berufsgruppe in einer schwachen Position – im Gegensatz zu unseren nordischen Nachbarländern.“ Dokken kennt die Situation um das Berufsfeld dort aus eigener Anschauung, sie ist gebürtige Norwegerin und lernte dort.

Für Helle Dokken, seit Sommer 2018 Pflege-Chefin der UMG, ist die Pflegekammer eine gute Möglichkeit, aus dieser für die Berufsgruppe und die Gesellschaft unbefriedigenden Situation herauszukommen und „den gesellschaftichen Status der Pflegenden zu stärken“.

Wenn diese nun die Abschaffung der Niedersächsischen Pflegekammer, die aus der Unzufriedenheit vieler Pflegekräfte entstanden ist, fordern, dann ist das für Dokken unverständlich: „Es ist doch eine Interessenvertretung und ein wichtiges Organ für die Selbstverwaltung von mehr als 80 000 Pflegekräften – und sie ist auch partei- und verbandsübergreifend.

Helle Dokken Pflegedirektorin an der Universitätsmedizin Göttingen

Der Pflegeforscher Stefan Görres von der Uni Bremen legt in seiner Einschätzung noch eine Schippe drauf: „Die Pflegekammer ist ein Kraftpaket für die Pflege der Zukunft.“ Görres sagt auch, dass scheinbar viele Pflegende gar nicht wissen, was eine Kammer leisten kann – zum Beispiel Weiterbildung ermöglichen und die Qualität in der Pflege sichern.

So sieht es auch Helle Dokken. Aus der Interessenvertretung könne durchaus ein Qualitätsschub für die pflegerische Versorgung entstehen – und das in einem immer enger werdenden Arbeitskräfte-Markt und dem teilweise herrschenden Pflegenotstand.

Derweil fordern Parteien wie die niedersächsische Linke und die Gewerkschaft Verdi weiter die Abschaffung der Kammer. Die AfD ist gegen eine Pflichtmitgliedschaft von Pflegern.

Dass es so weit gekommen ist, bedauert die Pflege-Chefin der Uni-Klinik: Das Versenden der Beitragsbescheide war unglücklich. Aber das könne korrigiert werden. „Wir als Pflegende sollten der Kammer eine Chance geben. Wir brauchen eine starke Pflege, um die Patientenversorgung in der Zukunft sicherzustellen“, sagt Dokken. Sie jedenfalls ist überzeugt, dass die Pflegekammer an Vertrauen gewinnen wird. Eine Alternative zur Kammer gibt es für die Göttingerin ohnehin nicht. Rückenwind kommt aus Nordrhein-Westfalen. Dort haben sich gerade 79 Prozent der Pfleger für die Bildung einer Kammer eingesetzt.  mit epd

Kommentar von Thomas Kopietz

Die just gestartete Pflegekammer hat durch unüberlegte und stoffelige Aktionen, die Versendung hoher Beitragsforderungen und die Anforderung sensibler persönlicher Daten, viele Vorschusslorbeeren weit vor der Ernte verkommen lassen. Das Gute: Der Wille zur schnellen Korrektur ist da. Die massive Kritik der Zwangsmitglieder und die Forderung der Sozialministerin haben Wirkungen gezeigt. Leider wurde die Kammer vom Land nicht hinreichend mit Startkapital versorgt, sie brauchte also, um arbeitsfähig zu sein, schnell Geld – die Beiträge. Das mag zum eklatanten Fehler geführt haben. Alle Beteiligten aber sollten bedenken: Die für die Gesellschaft so wertvolle aber leider chronisch unterbewertete Pflege benötigt eine starke Stimme und Unterstützung. Die Pflegekammern könnten sie geben. Der Streit sollte deshalb schnell beendet werden. tko@hna.de

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