Studie mit Hunden

Studie mit sensationellen Ergebnissen: Nervengift lässt Muskeln bei Gelähmten wachsen

Ein Hund, ein Australian Shepherd, schaut mit treuem Hundeblick in die Kamera.
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Aufmerksam und gesund: Australien Shepherd Toni hat keine Lähmung.

Ein hochwirksames Nervengift wirkt positiv bei Muskelschwund und gegen Lähmungen: Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen wiesen dies nun erstmals nach.

Göttingen – Es ist eigentlich ein hochwirksames Nervengift und Auslöser des Wundstarrkrampfes, was schon der Name verrät: Tetanustoxin. Sensationellerweise aber wirkt das Gift auch positiv bei Muskelschwund und gegen Lähmungen.

Dass sich der starke Muskelschwund bei Querschnittspatienten über die Gabe von Tetanustoxin verbessern lässt, konnten jetzt erstmals Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) um den Neurologen Prof. Dr. David Liebetanz nachweisen – an nach Bandscheibenvorfällen querschnittsgelähmten Hunden.

Auch wenn der Einsatz von Tetanustoxin am Menschen noch nicht in Sicht ist, seien die Ergebnisse aus der Tierstudie laut Liebetanz „ein wichtiger Meilenstein in Richtung klinischer Anwendung“ und machten Hoffnung.

Vor allem für die nicht wenigen Patienten nach Schlaganfall, mit Multipler Sklerose (MS) oder Rückenmarksverletzungen wie nach schweren Unfällen. Diese neurologischen Erkrankungen mit Störungen im zentralen Nervensystem können dauerhafte Lähmungen und Muskelschwund verursachen.

Leiter der Studie: Prof. Dr. David Liebetanz.

Für die Behandlung gibt es bislang kein wirksames Medikament – Linderung und Fortschritte sind vor allem durch Physio- und Ergotherapie möglich. Die Behandlungslücke wollen Göttinger und Berlner Wissenschaftler nun schließen. Seit zehn Jahren arbeitet das Team an einer neuen medikamentösen Therapie.

Tests mit querschnittsgelähmten Hunden in Göttingen

25 querschnittgelähmte Hunde wurden für die Studie über eine Annonce in einem Journal für Hundebesitzer zur Teilnahme nach Göttingen eingeladen. Neben umfangreichen klinischen Tests wurde bei den Hundepatienten per Sonographie die Muskeldicke gemessen.

Dann wurde den Hunden vier Wochen lang Tetanustoxin in die vom Muskelschwund betroffene Muskulatur injiziert. Mit dem Ergebnis, „dass die erneute Messung eine deutliche Zunahme der Muskeldicke im Vergleich zu den mit Placebo injizierten Hunden ergab“, wie Dr. Anja Manig, ebenfalls Erstautorin der Publikation und Ärztin in der UMG-Klinik für Neurologie, sagt.

„Es ist das erste Mal überhaupt, dass mit einer medikamentösen Behandlung ein Muskelaufbau bei gelähmten Muskeln erzielt werden konnte“, betont Prof. Liebetanz, Leiter des Projekts und Senior-Autor der Publikation. „Obwohl Tetanustoxin eine hohe Ähnlichkeit mit Botulinumtoxin aufweist, wirkt es genau gegenteilig. Während Botulinumtoxin zu Lähmung und Muskelatrophie führt, bewirkt Tetanustoxin eine Zunahme des Muskeltonus und der Muskelmasse“.

Wie aber kommt es, dass das Nervengift positive Effekte erzielen kann? In den Muskel gespritztes Tetanustoxin schaltet hemmende Nervenzellen auf der Rückenmarksebene aus. So werden motorischen Nervenzellen wieder aktiviert, die die betroffene Muskulatur direkt ansteuern. Das bewirkt eine Zunahme der Muskelmasse von zuvor gelähmter Muskulatur erzielen, wie Dr. Anna Kutschenko, einer der Erst-Autorinnen, erläutert. Die Ärztin in der Klinik für Neurologie der UMG arbeitet seit zehn Jahren an dem Projekt mit.

Bisher ist Tetanustoxin noch nie zur Behandlung beim Menschen eingesetzt worden. Vor diesem Schritt wird das Berlin-Göttinger Forscherteam noch weitere Untersuchungen starten. Dann wird es besonders darum gehen, die Sicherheit und die Dosierung des Nervengifts zu erforschen und zu verbessern.

Beteiligt sind neben den UMG-Wissenschaftlern die Berliner Kooperationspartner mit dem Neurologen Prof. Dr. Stephan Hesse von der Klinik Medical Park Berlin Humboldtmühle und dem Tierarzt Dr. Martin Deutschland von der Neurologischen Überweisungspraxis für Haustiere. (Thomas Kopietz)

Zufallserkenntnis aus Tetanusinfektion von Soldaten im Zweiten Weltkrieg

Die Idee, das hochgiftige Tetanustoxin als Therapie für Lähmungen zu nutzen, geht auf den moldawischen Neurologen Boris Sharapov zurück. Er berichtete während des Zweiten Weltkriegs von drei verwundeten Patienten, zwei mit Querschnittlähmung und einem mit einer Halbseitenlähmung. Alle drei hatten zufällig auch eine Tetanusinfektion entwickelt.

Dabei produziert das Bakterium Clostridum tetani aus der infizierten Wunde heraus große Mengen Tetanustoxin. Die Folge sind mehr oder weniger den ganzen Körper betreffenden Muskelkrämpfe, Wundstarrkrampf genannt. Im weiteren Verlauf kam es bei Sharapovs Patienten sowohl zu einer Zunahme des Muskeltonus als auch zu aktiven Bewegungen in den zuvor gelähmten Gliedmaßen.

Nach wenigen Tagen stellte Sharapov fest, dass der halbseitig gelähmte Patient keine Lähmungen mehr zeigte. Aus seinen Beobachtungen dieser zufälligen Tetanusinfektionen schloss er, dass das Tetanustoxin die noch erhaltenen Nervenzellen positiv stimuliert haben muss. In seinem Bericht von 1946 postulierte Boris Sharapov eine mögliche therapeutische Verwendung des Tetanustoxins. tko

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