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Suche nach Alzheimer-Stopper: Göttinger Wissenschaftler erforschen zwei Wirkstoffe

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Von: Thomas Kopietz

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Wissenschaftler arbeiten in einem Forschungslabor.
Modernste Ausstattung: Am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen wird an Wirkstoffen gegen Alzheimer gearbeitet - hier am Standort Bonn. © DZNE/nh

Noch ist Alzheimer nicht heil- und verhinderbar. Forscher in Göttingen aber sind auf der Suche nach wirksamen Medikamenten.

Göttingen – Am hochmodern ausgestatteten Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) untersuchen Göttinger Forscher zwei Wirkstoffkandidaten, die der Demenz den Schrecken nehmen könnten. Dafür wurde noch einmal 150.000 Euro EU-Fördergeld bereitgestellt.

Der Erforschung möglicher Wirkstoffe gegen die Alzheimer-Erkrankung ist bedeutend. Zumal erst kürzlich Demenzkranke und Mediziner, die Hoffnungen in die Zulassung des Medikaments Aduhelm der US-Firma Biogen gesetzt hatten, enttäuscht wurden. Die Europäische Arzneimittelagentur EMA lehnte Ende 2021 ab. Aduhelm basiert auf dem Antikörper Aducanumab, der Ablagerungen (Amyloid-beta) im Gehirn angreift.

Bei Alzheimer-Kranken verkleben sich dort Eiweiße zu Klumpen. Außerhalb der Nervenzellen bilden sich Plaque-Ablagerungen, in den Zellen Aggregate des Tau-Proteins. Sie sind Gift für die Zellen. Bekannt ist, dass ein enger Zusammenhang zwischen der Tau-Anhäufung und der Entwicklung sowie dem Fortschreiten der Alzheimer-Erkrankung besteht.

Porträt Prof. Markus Zweckstetter
Der Göttinger Biophysiker Prof. Markus Zweckstetter gehört zu dem Team, die zwei Wirkstoffe erforschen. © Privat/nh

„Die Tau-Aggregation wird als wichtiger Krankheitsmechanismus angesehen“, sagt Prof. Markus Zweckstetter. Folglich ist Tau ein Ziel für Therapien. Dort setzen die Untersuchungen der DZNE-Forscher an. Für Zweckstetter hätte ein Wirkstoff gegen die Tau-Anhäufung „ein breites Anwendungspotenzial, denn Tau-Aggregate treten auch bei anderen neurodegenerativen Erkrankungen auf“.

Die Göttinger Biophysiker haben bereits zwei chemische Verbindungen entdeckt, die die Tau-Ablagerungen in Laborversuchen verhindern können. Beide Substanzen seien chemisch eher einfach konstruiert. Mehr verraten will Zweckstetter nicht, weil ein Patentantrag läuft. Aber die Forscher können untersuchen, ob sie gegen die Klumpen wirken. Eine Substanz davon ist bereits als Medikament zugelassen, aber nicht für die Behandlung neurodegenerativer Erkrankungen wie Alzheimer. Die Göttinger halten sie für „besonders vielversprechend“.

„Die bereits zugelassene Substanz halten wir für besonders vielversprechend, weil schon nachgewiesen wurde, dass sie ins Gehirn gelangen kann. Bei dem anderen Wirkstoff weiß man das noch nicht. Das werden wir im Rahmen unseres Projektes untersuchen“, beschreibt Prof. Markus Zweckstetter, Forscher am Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) in Göttingen.

„Was wir anstreben, nennt man Drug Repurposing: Es geht darum, den Anwendungsbereich eines schon zugelassenen Arzneistoffes zu erweitern. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass bereits belegt ist, dass Menschen den Wirkstoff gut vertragen.“

Das Ziel der Attacke der beiden möglichen Wirkstoffe sind winzige Tröpfchen. Über einen physikalischen Vorgang konzentrieren sich Tau-Proteine auf engstem Raum. In der Zellflüssigkeit entstehen Tröpfchen mit Tau-Proteinen. Auf diese Bildung der Tröpfchen haben es die DZNE-Forscher abgesehen, denn sie ist nach deren Einschätzung eine Voraussetzung für die Anhäufung der Tau-Proteine.

Stört man die Bildung solcher Tropfchen, verhindert man auch, dass Tau-Proteine verklumpen. „Genau das machen die Wirkstoffe, die wir gefunden haben. Sie sind letztlich Klumpen-Verhinderer“, so Zweckstetter.

Das haben die Göttinger DZNE-Forscher bereits in Laborexperimenten und in Zellkulturen nachgewiesen – für beide Wirkstoffkandidaten. Auch an Fruchtfliegen haben sie die Wirkung getestet: Die untersuchten Insekten produzierten infolge einer Genmutation zu viele Tau-Proteine. Daraus folgende Nervenschäden fielen jedoch geringer aus, als die Wirkstoffe dem Fliegenfutter beigemischt wurden.

Mithilfe des EU-Fördergelds kann die Wirkung der beiden Stoffe weiter unter die Lupe genommen werden. Nun sollen in Studien die Substanzen Mäusen verabreicht werden, deren Organismen aufgrund einer genetischen Konstellation – wie bei den untersuchten Fruchtfliegen – Tau-Proteine im Übermaß herstellen. Eine Überproduktion, die zu Hirnschäden führt, mit Auswirkungen ähnlich wie bei Alzheimer-Kranken.

Spannend für die Forscher ist zu sehen, ob eine Behandlung der Mäuse mit den Wirkstoffen die geistigen Ausfallerscheinungen – die ja auch bei Alzheimer in fortschreitendem Ausmaß auftreten – lindern kann. „Sollte das eintreten, hätte man eine solide Grundlage für klinische Studien am Menschen“, sagt Zweckstetter und stellt für diesen Fall die Kooperation mit einem Pharma-Unternehmen in Aussicht.

Denn ohne die Unterstützung der Industrie seien Arzneimittel-Studien in dieser Form nicht möglich. Bis zur möglichen Marktreife eines Medikaments werden so aber noch einige Jahre vergehen.

Derweil werden weiter Menschen an Alzheimer erkranken und an den Folgen leiden. In Göttingen arbeiten Kollegen Zweckstetters um Prof. André Fischer deshalb auch an der Früherkennung, entwickeln einfache Tests, die auf ein persönlich erhöhtes Risiko an Demenz zu erkranken, hinweisen und weitere Diagnostik und möglicherweise Prävention frühzeitig einleiten können. Das wäre nötig, denn oft wird die Erkrankung erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt.

In Deutschland leben zurzeit etwa 1,5 Millionen Menschen mit Demenz, Tendenz steigend. (Thomas Kopietz)

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