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Tag der Wohnungslosen: Elend in der Uni-Stadt könnte weiter anwachsen

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Von: Bernd Schlegel

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Der Waageplatz im Norden der Göttinger Innenstadt ist ein beliebter Treffpunkt: Ein Göttinger Wissenschaftler hat konkrete Ideen entwickelt, wie Wohnungslosen oder von Wohnungsnot betroffenen Einwohnern geholfen werden kann. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Wertsachen sicher unterbringen zu können.
Der Waageplatz im Norden der Göttinger Innenstadt ist ein beliebter Treffpunkt: Ein Göttinger Wissenschaftler hat konkrete Ideen entwickelt, wie Wohnungslosen oder von Wohnungsnot betroffenen Einwohnern geholfen werden kann. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Wertsachen sicher unterbringen zu können. © Bernd Schlegel

Die Chancen von Wohnungslosen und von Wohnungslosigkeit bedrohten Menschen, dauerhaft eine Bleibe zu finden, werden schlechter. Ein Professor hat für Göttingen Vorschläge zur Verbesserung der Situation erarbeitet.

Göttingen – Etwa 1000 Menschen haben in der Stadt Göttingen nach Schätzungen der Straßensozialarbeit kein gesichertes Mietverhältnis. Zum morgigen „Tag der Wohnungslosen“ hat Soziologie-Professor Timo Weishaupt Ideen entwickelt, wie die Stadt die Situation konkret verbessern kann.

„Wenn man mit wenig Geld einen Unterschied in der Stadt machen möchte, dann würde ich erstens dafür plädieren, dass wohnungslose Menschen wichtige Unterlagen und Wertsachen irgendwo sicher lagern können, beispielsweise in Schließfächern bei der Stadtbibliothek oder in einer sozialen Einrichtung“, macht Weishaupt deutlich.

Weiterhin schlägt er vor, dass sich die Verantwortlichen das Konzept einer „nette Toilette“ einmal genauer ansehen sollten. Dabei unterstützt die Kommune Gastronomen finanziell bei der Pflege der Toiletten und spart dabei Kosten. Im Gegenzug entsteht dadurch ein Netz von frei zugänglichen Toiletten, die sauber, gepflegt und bis spät in die Nacht geöffnet sind.

„In anderen Städten wird so der Zugang zu Toiletten, und damit auch zu Trinkwasser und zu der Möglichkeit, sich die Hände zu waschen, kostengünstig gesichert“, so Weishaupt.

Zudem plädiert der Experte für die Aufstellung von Automaten mit kostenfreien Hygieneartikeln – vor allem für Frauen – in einigen der Anlaufstellen oder beim Mittagstisch St. Michael.

„All das sollte die Stadt finanziell nicht stark belasten.“ Auch für den „Fall, dass die Stadt etwas Geld in die Hand nehmen will“, hat er eine konkrete Idee. Neben der Verbesserung der Standards im Hinblick auf Ausstattung und Sozialarbeit in der städtischen Notunterkunft, fällt dabei der Blick des Experten vor allem auf die Heilsarmee, die seit Jahren ein neues Gebäude bekommen soll.

„Wenn die Stadt hier ein neues Gebäude finden würde, das insgesamt mehr Platz hat und vor allem für Frauen einen separaten Zugang zum Gebäude und abgetrennte Unterkunftsmöglichkeiten böte, dann wäre hier viel gewonnen. Aber letztlich ist klar: Was wohnungslose Menschen natürlich am meisten brauchen sind Wohnungen“, stellt der geschäftsführende Direktor am Institut für Soziologie klar.

Prof. Timo Weishaupt
Soziologe Prof. Timo Weishaupt © privat/nh

Um die besondere Situation von wohnungslosen Frauen in Göttingen geht es deshalb auch auf einem von der Arbeitsgruppe Frauen im sozialpsychiatrischen Verbund für Stadt und Landkreis Göttingen organisierten Fachtag „Frauen.Wohnungslos.Unsichtbar“. Dieser findet an diesem Montag, 12. Oktober, in den Räumen des Instituts für angewandte Sozialfragen statt.

Weishaupt hat festgestellt, dass sich die Situation für Wohnungslose und für von Wohnungsnot betroffene Menschen in Göttingen deutlich verschärft hat, denn der Bestand an Sozialwohnungen in der Uni-Stadt sei in den vergangenen sieben Jahren um etwa 40 Prozent zurückgegangen. „Im Hinblick auf die Folgen von Putins Krieg gegen die Ukraine sind die Aussichten auf günstigen Wohnraum aufgrund der zu erwartenden Energiekrise und des weiterhin fortschreitenden Rückgangs von Sozialwohnungen so schlecht wie selten zuvor“, so Weishaupt. „Die Inflation wiederum lässt die Kosten der alltäglichen Grundversorgung in die Höhe schnellen, was unter anderem Tafeln zu Aufnahmestopps und zu Rationierungen zwingt.“ (Bernd Schlegel)

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