Tauziehen um Zellen-Malerei

SPD will Klingebiel-Kunstwerk nicht an Sprengelmuseum geben

Bedeutendes Werk der so genannten „Outsider“-Kunst: Eine Wand in der Klingebiel-Zelle im „Festen Haus“ für psychisch kranke Straftäter in Göttingen. Foto: Niemann/pid

Göttingen. Wie kann man ein Kunstwerk retten, das aus einem kompletten Raum besteht, in einem Gebäude, das nie öffentlich zugänglich war und demnächst leer stehen wird?

Über diese Frage zerbrechen sich derzeit Politiker in Göttingen und Hannover den Kopf.

Das Problem dabei: Das Kunstwerk, um das es geht, ist eine Zelle. Sie befindet sich im so genannten „Festen Haus“ in Göttingen, in dem psychisch kranke Straftäter untergebracht sind. Es ist die Zelle des langjährigen Psychiatrie-Patienten Julius Klingebiel (1904-1965). Seine Wandmalereien gelten heute als eines der bedeutendsten Werke der so genannten „Outsider“-Kunst. Am Freitagabend wird sich der Rat der Stadt Göttingen mit der Zelle beschäftigen: Die SPD-Fraktion möchte, dass das Kunstwerk an seinem bisherigen Standort in Göttingen erhalten bleibt.

Die Zelle mit der Nummer 117 befindet sich im ersten Obergeschoss des Festen Hauses. Zwölf Jahre – von 1951 bis 1963 – war Klingebiel in dem hoch gesicherten Gebäude untergebracht. In dieser Zeit hat er unermüdlich die meterhohen Wände seiner Zelle bemalt und ein einzigartiges Raumkunstwerk geschaffen. Seit 2012 steht Klingebiels einstige Zelle unter Denkmalschutz, nicht aber das übrige Gebäude. Dieses wird demnächst leer stehen: 2015 werden die etwa 30 psychisch kranken Straftäter, die derzeit in dem hoch gesicherten Gebäude untergebracht sind, in einen Neubau umziehen. Was dann aus dem Festen Haus wird, ist noch völlig unklar.

Anlass für den Antrag der SPD-Ratsfraktion ist ein Vorstoß aus Hannover. Im Oktober hatte der Direktor des Sprengel Museums, Reinhard Spieler, sein Interesse bekundet, die Klingebiel-Zelle in die Sammlung des Museums aufzunehmen. Die Göttinger SPD-Ratsfraktion spricht sich gegen eine solche Lösung aus. Man habe darüber diskutiert, erläutert Fraktionschef Frank-Peter Arndt. „Wir sind allerdings der Ansicht, dass die Malerei eng mit der Zelle Nr. 117 und dem Haus verbunden bleiben sollte.“

In dem von der SPD eingebrachten Antrag wird die Stadtverwaltung aufgefordert, mit dem Land Niedersachsen als Eigentümer des Gebäudes Kontakt aufzunehmen und prüfen zu lassen, ob die Wandmalereien dort verbleiben und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können. Außerdem sollte die Verwaltung prüfen, wie eine Nachnutzung des Gebäudes aussehen könnte. Die SPD hat bereits einen Vorschlag: „Wir könnten uns vorstellen, dass hier neben der Klingebiel-Ausstellung ein sehr guter Platz für gesuchte Proberäume für Musikgruppen entsteht.“

Auch Dirk Hesse, Ärztlicher Direktor des Maßregelvollzugszentrums Moringen, zu dem das Feste Haus heute gehört, würde es begrüßen, wenn die Klingebiel-Zelle in Göttingen bleiben würde: „Ich fände das gut.“ (pid)

Von Heidi Niemann

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