Nachbau wird wissenschaftlich unter die Lupe genommen

Tests in Göttingen: Auf den Spuren des Flugpioniers Otto Lilienthal

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Wissenschaftliche Untersuchung: Der nachgebaute Lilienthal-Gleiter kam zunächst im niederländischen Marknesse bei Emmeloord in den Windkanal.

Göttingen. Der Nachbau des 1893/1894 konstruierten Fliegers von Otto Lilienthal hat seinen Test im Windkanal bestanden. Wissenschaftler des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen nehmen das Fluggerät derzeit wissenschaftlich unter die Lupe.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als würde in der Halle des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt in Göttingen (DLR) ein riesiger Vogel von der Decke herunterhängen. Der Eindruck kommt nicht von ungefähr: Die 6,70 Meter breite, mit weißem Baumwolltuch bespannte Holzkonstruktion ist ein Nachbau eines Fluggeräts von Otto Lilienthal (1848 bis 1896).

Der berühmte „Normalsegelapparat“ war das erste Serienflugzeug der Welt. Der Luftfahrtpionier hatte, bevor er sich vor 125 Jahren als erster Mensch mit einem selbstgebauten Flugzeug in die Lüfte erhob, jahrelang den Flug der Vögel und den Aufbau ihrer Flügel studiert. Seine eigenen Konstruktionen sind dagegen wenig erforscht. Die Göttinger Forscher wollen mit ihrem spektakulären Projekt erstmals die Flugeigenschaften des legendären Gleitgeräts wissenschaftlich untersuchen.

„Bislang gibt es rund um Lilienthals Flugzeug immer noch viele offene Fragen“, sagt Andreas Dillmann, Leiter des DLR-Instituts für Aerodynamik und Strömungstechnik in Göttingen. Wie stabil war der Gleitflieger? Wie gut ließ es sich steuern? Und warum ist Otto Lilienthal am 9. August 1896 nach mehr als 2000 Flügen bei einem Testflug abgestürzt und tödlich verunglückt?

Um diese Fragen zu klären, haben die Göttinger Forscher den Flugapparat vom Otto-Lilienthal-Museum in Anklam so detailgetreu wie möglich nachbauen lassen. Schon die Bespannung war eine Herausforderung. Die Forscher ließen eine Stoffprobe des Originalgleiters von Spezialisten untersuchen und dann ein ähnliches Baumwollgewebe von einer Weberei in Nordhessen anfertigen.

Bei der Holzkonstruktion mussten sie ein wenig tricksen: Lilienthal hatte damals biegsame Weidenruten verwendet. Da der Nachbau jedoch im Winter angefertigt wurde, musste man auf ein Tropenholz ausweichen. „Wir haben Abachi genommen, das hat ähnliche Eigenschaften“, erklärt Projektleiter Henning Rosemann. Anfang Juni wollen die Wissenschaftler den Nachbau bei der Internationalen Luftfahrtschau in Berlin der Öffentlichkeit präsentieren. Heute würde man für dieses Gerät keine Flugzulassung bekommen, sagt Institutsleiter Dillmann. Lilienthals Konstruktion sei zwar ausgesprochen stabil, aber nur begrenzt einsetzbar.

Nur für Windstille 

Genau das wurde ihm vermutlich zum Verhängnis: Lilienthal war bei seinem letzten Flug in einen Aufwind geraten. Sein Fluggerät war aber nur für Windstille geeignet.

Versuche in Göttingen haben am Donnerstag begonnen

Der nachgebaute Lilienthal-Flieger wurde zunächst in einem Windkanal in den Niederlanden getestet und dann nach Göttingen gebracht.

Hier begannen am Donnerstag die ersten Versuche, bei denen auch der „Faktor Mensch“ einbezogen war. Die Windkanal-Versuche seien sehr erfolgreich verlaufen, sagt DLR-Institutsleiter Andreas Dillmann.

„Alle drei Achsen sind stabil, der Flieger hat keine aerodynamischen Defizite.“ Damit sei die Vermutung widerlegt, dass Instabilität die Ursache für den tödlichen Absturz gewesen sein könnte.

Wenn es aber nicht an der Konstruktion lag, woran lag es dann? Zur Klärung dieser Frage bedarf es einer gewissen Sportlichkeit und Kraftanstrengung. DLR-Wissenschaftler Christian Schnepf bringt die nötigen Eigenschaften mit: Er ist 1,83 Meter groß und 89 Kilo schwer und hat damit eine ähnliche Konstitution wie einst Otto Lilienthal. Schnepf freut sich, dass er in den Tests dessen Rolle übernehmen darf: „Wann hat man sonst schon mal die Chance, bei solch einem interessanten Projekt mitzuwirken?“ Er hängt sich in den Fluggleiter, stützt sich auf und schwingt ähnlich wie ein Barrenturner die Beine vor und zurück.

Nur so konnte Lilienthal damals den Anstellwinkel verändern und sein Flugzeug steuern. Die Göttinger Forscher wollen mit diesen Tests herausfinden, in welchem Bereich der Schwerpunkt des Fluggeräts lag und wie weit dieser variiert werden konnte.

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