Uni-Klinik, Stadt und Kreis gegen Schließung

Corona-Testzentren im Kreis Göttingen geschlossen - Gegen den Willen der Kreisverwaltung

Corona-Testzentrum Göttingen: Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) hat ihren Container (rechts) im Untergeschoss der Uni-Klinik geschlossen. Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) betreibt den anderen Container (links) für eigene Corona-Tests weiter.
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Corona-Testzentrum Göttingen: Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) hat ihren Container (rechts) im Untergeschoss der Uni-Klinik geschlossen. Die Universitätsmedizin Göttingen (UMG) betreibt den anderen Container (links) für eigene Corona-Tests weiter.

Die KVN hat die Testzentren im Kreis Göttingen geschlossen. Stadt- und Kreisverwaltung kritisieren die Entscheidung und fordern einen Notfallplan für eine weitere Corona-Welle.

Landkreis Göttingen – Die Ankündigung von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) „Fieberambulanzen“ einzurichten, stößt bei Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) auf Kritik und Unverständnis. Ein ein Grund: Sie haben teilweise – wie die KV Niedersachsen – „nur aus den Medien von den Plänen erfahren“. „Eine Rechtsverordnung zu diesem Komplex liegt uns nicht vor“, sagte KVN-Sprecher Detlef Haffke gegenüber unserer Zeitung.

Die KVN verweist auch darauf, dass sich in Niedersachsen aktuell 170 Arztpraxen auf die Behandlung und Testung von Patienten mit Corona-Symptomen räumlich und organisatorisch eingestellt haben. Diese Infektionspraxen halten so auch Infektionssprechstunden für Verdachtsfälle frei, können Patienten räumlich trennen und schützen. So kommen die Patienten mit Atemwegserkrankungen und Covid-19-Verdacht nicht in Kontakt mit anderen.

Vieles wird über einen Warte- und Testraum im Freien abgewickelt. Ärzte, die wegen räumlicher Bedingungen oder Risikogruppenzugehörigkeit die Verdachtsfälle oder Covid-19-Erkrankten nicht behandeln könnten, überweisen diese an Infektionspraxen. Die Zahl dieser Praxen steige laut Haffke übrigens stetig. Im Bereich der KVN Göttingen (Südniedersachsen) gibt es zurzeit 32 Infektionspraxen, die auch wichtig sind, weil nicht alle Arztpraxen Abstriche für den Corona-Text abnehmen könne. Die KVN mahnt zudem in Bezug auf aktuelle Entwicklungen, dass mit Beginn der Infektionszeit und grippalen Infekte, Influenza und steigenden Covid-19-Zahlen die Zahl der Infektionspraxen erhöht werden müsse. Eventuell werden auch finanzielle Anreize gegeben. „Wir vermuten, dass wesentlich mehr Patienten in der Erkältungszeit die Praxen frequentieren. Zur Motivation dieser zusätzlichen Infektionspraxen wird über eine finanzielle Unterstützung nachgedacht.“

Die Krisenstäbe von Landkreis und Stadt Göttingen weisen zudem auf eine ungleichmäßige Verteilung der Infektionspraxen hin: Die meisten gebe es in und um Hann. Münden und Göttingen. Andernorts fehle es an solchen, das müsse verbessert werden.

Die Kassenärztliche Vereinigung Niedersachsen (KVN) als Betreiber hat die Corona-Testzentren in Südniedersachsen, auch die im Landkreis Göttingen, eingestellt. Dort waren sie auf dem Gelände der Universitätsmedizin Göttingen (UMG), in Herzberg und Hann. Münden eingerichtet.

Aktuell gibt nur noch ein Corona-Testzentrum der KVN, jenes für Reiserückkehrer aus Risikogebieten am Flughafen Hannover-Langenhagen. Grund für die Schließung sei laut KVN die „Verlagerung der Patientenbetreuung und Testung in den ambulanten Bereich“. KVN-Sprecher Detlef Haffke sagt klar und deutlich: „Die Infektionspraxen sind oder werden unsere Testzentren.“ Die Verlagerung sei möglich geworden, nachdem diese genügend Schutzmaterial von der KVN erhalten hätten.

Ein Grund für die Schließung der Corona-Testzentren war laut KVN auch, dass die Anzahl der Testungen dort „auf ein Minimum gesunken war“, wie Haffke berichtet.

Die Schließung des im Untergeschoss des Uni-Klinikums und leicht zu erreichenden Corona-Testzentrums der KVN stößt bei den Verantwortlichen der Universitätsmedizin Göttingen (UMG) und der Stadt Göttingen derweil nicht auf Zustimmung. „UMG und Stadt haben sich für einen Weiterbetrieb des KVN-Corona-Testzentrums über die Schließung am 15. September hinaus auf dem UMG-Gelände ausgesprochen“, teilt UMG-Sprecher Stefan Weller mit.

Die Uni-Medizin nutzt derweil einen verbliebenen Container mit eigenem Personal weiter. „Im Moment reichen die Kapazitäten aus“, sagt Weller. Aber: Sollte eine zweite Covid-19-Welle entstehen, bestünde Konsens, „dass die KVN ihr Testzentrum schnellstmöglich wieder aktiviert. Das gilt dann auch für die angesprochenen Testzentren in Herzberg und Hann. Münden“.

Das sei möglich, wie Detlef Haffke auf Nachfrage sagt: Die Testzentren seien bei Bedarf mit einer „Vorlaufzeit von wenigen Tagen“ reaktivierbar, was auch die Krisenstäbe von Landkreis und Stadt Göttingen so einschätzen. „Allerdings müsste aus Sicht der KVN die Kostenübernahme im Vorfeld klar geregelt werden“, so KVN-Sprecher Haffke, der auch sagt: „Testzentren stehen nicht im Fokus unserer Überlegungen.“

Das sehen die Krisenstäbe von Stadt und Landkreis anders: Zwar sei es richtig, Testzentren bedarfsgerecht anzubieten, aber der Bedarf könne sich jederzeit ergeben. Deshalb müsse eine Infrastruktur vorgehalten werden – entweder als „Testzentren im Standby-Modus oder alternativ flächendeckend über Infektionspraxen niedergelassener Ärzte“. „Testkapazitäten müssten sehr schnell sehr stark hochgefahren werden können.“ Das sei „Grundlage für alle weiteren Maßnahmen wie Quarantäne-Anordnungen und Kontaktnachverfolgungen.

Die Erwartung der Krisenstäbe an die KVN ist klar: „Sie muss qualifiziertes Personal bereitstellen. Wenn das nicht klappt, wäre das ein Armutszeugnis.“ An der Bereitschaft der Ärztinnen und Ärzte läge es nicht; hier haben Stadt Göttingen und Landkreis bislang große Einsatzbereitschaft erlebt.

Als Alternative zu festen Zentren seien mobile Einsatzteams im Gespräch, die zentral vorgehalten werden und bei Corona-Ausbrüchen vor Ort den örtlichen Gesundheitsdienst unterstützen, so die Krisenstäbe.  (Thomas Kopietz)

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