Deutsches Theater online

Deutsches Theater startet Stück im Videokonferenz-Format - und gewinnt

Stück „Speed Acting“ des Deutschen Theater Göttingen: Zwei Schauspieler sind auf einem geteilten Bildschirm zu sehen. Hier eine Szene aus Faust mit Roman Majewski und Nathalie Thiede als Mephisto im Wohnzimmer.
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Deutsches Theater online: „Speed Acting“ heißt das neue Format, dass immer Donnerstags online zu sehen ist. Hier eine Szene aus Faust mit Roman Majewski im Bad und Nathalie Thiede als Mephisto im Wohnzimmer.

Das Deutsche Theater hat ein so bemerkens- wie sehenswertes Format veröffentlicht: „Speed Acting“ ist immer Donnerstagabend mit wechselnden Inhalten zu sehen.

Göttingen - Die Videokonferenz mit dem Team, die Projektbesprechung mit dem Chef: Online-Meetings sind in Zeiten von Homeoffice zum täglichen Begleiter geworden. Doch eignen sie sich auch für eine Theaterinszenierung? Definitiv ja, wie die Premiere des neuen Formats „Speed Acting“ des Deutschen Theaters kürzlich gezeigt hat.

Es ist Donnerstagabend, Punkt 20 Uhr als sich Mona Rieken, seit dieser Spielzeit Dramaturgin am Deutschen Theater in Göttingen, im Livestream meldet. Nicht von einer Bühne, sondern aus einer Videokonferenz. Und das ist so authentisch, dass sich schon einmal ein Blick auf die eigene Laptop-Kamera lohnt. Blinkt da etwas? Bin ich jetzt als Zuschauer auch in dem Meeting? Nein, aber es fühlt sich so an und das wird auch für die nächsten gut 30 Minuten so sein.

Mona Rieken begrüßt das Publikum und erklärt, dass es sich beim neuen Format um ein Experiment handelt. Das, was das Theater ausmacht, seine besondere Energie und Spontanität, soll in den virtuellen Raum übertragen werden. Es ist der Versuch, den Moment herzustellen, in dem sich zwei Schauspieler begegnen. Was auf der Theaterbühne normal ist, macht beim „Speed Acting“ den besonderen Reiz aus, denn: Zwar wissen die Ensemblemitglieder, welche Szenen und Rollen gespielt werden, nicht aber, wer sich als jeweiliger Schauspielpartner oder -partnerin im Videomeeting dazu schalten wird.

Am Premierenabend sind es drei Inszenierungen, die so ablaufen. Die Erste entführt den Zuschauer in die Welt von Goethes Faust. Faust, dargestellt von Roman Majewski, steht nicht in seinem Studier-, sondern Badezimmer und rasiert sich, während Nathalie Thiede als Mephisto im Wohnzimmer den Staubwedel schwingt. Der berühmte Dialog wirkt auf diese Art noch eindringlicher – denn auch, wenn die Akteure miteinander interagieren und improvisieren, schauen Sie doch immer auch den Zuschauer an. Wie in einem realen Meeting – so übrigens ist auch der Szenenausstieg. Das Gesehene wird nicht einfach ausgeblendet, sondern so beendet, wie man es in einer Videokonferenz eben macht: Mephisto und Faust verlassen das Meeting per Mausklick, nacheinander.

Mit einem Auszug aus Elfriede Jelineks „Raststätte oder Sie machens alle“ geht es weiter. Rebecca Klingenberg schaltet sich als Claudia ins Bild – aus einer Toilette. Dort wartet sie auf Isolde, gespielt von Judith Strößenreuter, die dem virtuellen Meeting kurz darauf ebenfalls beitritt. In der Autobahnraststätte „Zwillingsgipfel“ wollen Sie zwei „wilde Tiere“ treffen, die sie über eine Kontaktanzeige aufgetan haben. Doch beide haben die Rechnung ohne ihre Männer gemacht, dafür aber mit jeder Menge Spaghetti – als Requisite.

Die letzte Inszenierung „Die Fremden“ stammt aus der Feder von Komiker Karl Valentin. Der Zuschauer findet sich in einer Unterrichtseinheit per Videokonferenz wieder, in der die Lehrerin Frau Karlstadt, dargestellt von Marie Seiser mit Schauspieler Lukas Beeler als Schüler Valentin über das Fremdsein diskutiert. Schnell wird klar, dass es bei dem Thema einzig und allein auf die Perspektive ankommt und jeder Mensch gleichzeitig irgendwo fremd und zuhause ist.

Nicht anders ist es beim neuen DT-Format „Speed Acting“. Denn obwohl das eigentliche Setting für die Zuschauer fremd ist und die Dialogpartner für die Schauspieler im Vorfeld nicht bekannt sind: Durch die Inszenierung entsteht eine Form von Vertrautheit, die die Anonymität und „das Fremde“ des Virtuellen aufzuheben scheint. Daran ändern auch gelegentliche Bild- und Mikrofonprobleme nichts. Denn mal ehrlich: nicht anders kennen wir es aus dem Homeoffice.

Das Theaterformat „Speed Acting“ ist kostenfrei donnerstags ab 20 Uhr auf der DT-Internetseite unter dt-goettingen.de zu sehen. Anke Heidenreich

Dicht dran: DT-Schauspielerin Mona Rieken ist beim Stück Speed Acting trotz der Virtualität vertraut nah.

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