Gefahr einer "Lost Generation"

Thomas Harms beklagt Tatenlosigkeit bei Flüchtlingskindern auf griechischen Inseln

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Thomas HarmsFrüherer Lagerpastor

Göttingen/Friedland – Der frühere Friedländer Lagerpastor Thomas Harms verlangt, dass auf den griechischen Inseln gestrandete Flüchtlingskinder umgehend nach Deutschland gebracht werden.

„Ich wundere mich außerordentlich über die Anordnung, hier einfach in einen Stillstand zu gehen“, sagte Harms. Schließlich hätten sich mehrere EU-Staaten abgesprochen, 1600 Kinder bis 14 Jahre aus den griechischen Flüchtlingslagern zu holen.

Harms war bis zum Dezember drei Jahre lang Pastor im Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen und Geschäftsführer der dort tätigen Inneren Mission. In dieser Zeit besuchte er auch das Flüchtlingslager Vial auf der griechischen Insel Chios.

Das niedersächsische Innenministerium hatte am Dienstag erklärt, es sei angesichts der aktuellen Lage „derzeit offen, wie die EU-Kommission und der Bund die Übernahme der unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge aus Griechenland organisieren wollen“. Momentan pausierten alle Umsiedlungsprogramme der EU.

Die Bilder aus den Lagern seien „hinreichend bekannt“, sagte der evangelische Pfarrer. „Da entsteht eine ‘Lost Generation’ von Kindern und Jugendlichen, die weder beschult noch angemessen sozialisiert werden.“ Er finde diesen Zustand „hochgradig fatal – gerade in diesen Zeiten, in denen so viel möglich ist“, fügte Harms mit Blick auf die Maßnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus hinzu.

Deutschland dürfe diese Menschen nicht „im Morast und im Dreck lassen“, forderte Harms. Es gebe in den griechischen Lagern Tote und Schwerverletzte, es gebe Brände und sexuelle Übergriffe auf Menschen, die sich nicht wehren könnten. „Wir erleben eine staatliche Priorisierung der Corona-Bekämpfung, die zulasten der Aufnahme von Flüchtlingen geht.“ Das entziehe sich seinem Verständnis: „Warum tut man das eine, was ja sinnhaft ist, und unterlässt das andere?“  epd/bsc

Flüchtlingsinitiative: Situation in Lagern deutlich verschlechtert

Die Situation in den Flüchtlingslagern auf den griechischen Inseln hat sich nach Angaben der Initiative „Seebrücke Osnabrück“ dramatisch verschlechtert. Seit einigen Tagen sei bekannt, dass die Versorgung mit Trinkwasser eingeschränkt wurde, erklärte am Sonntag die Sprecherin der Initiative, Renate Vestner-Heise: „Die Essensration für Kinder und Jugendliche wurde auf nur 1000 Kilokalorien am Tag reduziert.“ NoDas Corona-Virus sei zwar noch nicht ausgebrochen, doch angesichts der Überfüllung und Enge sowie der fehlenden hygienischen und medizinischen Versorgung könne ein Ausbruch in den Lagern zum Todesurteil für Tausende Menschen werden, sagte Vestner-Heise. epd/ana

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