Interview

Thomas Oppermann: „Keine Sonderbehandlung für die Bundesliga“

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Laufstark: Stürmer Thomas Oppermann im Deutschen Nationaltrikot von 2014 bei einem Spiel des FC Bundestag gegen einen Göttinger Prominentenauswahl in Berlin.

Göttingen/Berlin – Der Sportfan und Bundestagsabgeordnete Thomas Oppermann (SPD) ließ mit einem Essay über die Situation des Profi-Fußballs im Fachblatt „Kicker“ aufhorchen.

Wir haben ihn dazu und zur Situation in der Basketball-Bundesliga befragt.

Herr Oppermann, Sie sind bekennender Basketballfan, warum haben Sie denn diesen flammenden Appell für und an den Profifußball gerichtet?

Es stimmt, ich brenne für den Basketball, bin eingefleischter Fan der BG Göttingen. Gleichzeitig bin ich seit meiner Jugend aber auch aktiver Fußballer. Mein Weg hat mich von Einbeck 05 über die SV Göttingen und den SC Rosdorf bis in den FC Bundestag geführt, dem ich bis heute angehöre. Als Fan schlägt mein Herz für Borussia Dortmund. Vor allem habe ich mich aber als Vorsitzender der DFB-Ethikkommission in der Pflicht gesehen, einen Beitrag zur Versachlichung der emotionalen Debatte um die Fortsetzung der Bundesligasaison zu leisten.

Sie bekennen sich darin zu Geisterspielen in den Bundesligen – diese stehen aber nicht für die Begeisterung der Fans - warum also sind Sie dafür?

Niemand – auch ich nicht – ist begeistert von der Vorstellung, die Bundesliga einstweilen ohne Zuschauer stattfinden zu lassen. Die Fans im Stadion sind – genau wie beim Basketball die Fans in der Halle – das, was einen großen Teil der Faszination ausmacht. Ohne sie ist das Spiel einfach nicht dasselbe! Aktuell befinden wir uns aber in einer akuten Notsituation. Ohne eine Fortsetzung der Saison und die damit verbundenen Einnahmen stehen viele Klubs vor dem Aus. Geisterspiele sind deshalb das kleinere Übel.

Wie stehen Sie zu der Kritik, dass Fußball keine Sonderrolle im Sport und auch bezüglich der Corona-Tests bekommen sollte - schließlich ist Profi-Fußball nicht systemrelevant?

Im engeren Sinne ist auch die Gastronomie nicht systemrelevant. Trotzdem habe ich mich dafür stark gemacht, dass Restaurants bald wieder öffnen können. Es darf für die Bundesliga keine positive Sonderbehandlung geben, aber auch keine negative. Wenn es die DFL schafft, ihr anspruchsvolles Gesundheitskonzept durchzusetzen, spricht nichts gegen eine Saison-Fortsetzung. Klar ist aber auch, dass dabei keine Testkapazitäten genutzt werden dürfen, die woanders fehlen. Das ist nach allem, was wir wissen, aber nicht der Fall. Mit dem grünen Licht für die Bundesliga steigen die Chancen für die Fortsetzung der Basketballbundesliga.

Meinungsstark: Thomas Oppermann, Bundestagsabgteordneter und DFB-Ethikkommission-Vorsitzender – hier bei einem HNA-Interview.

Benötigt nicht gerade jetzt der kleine Sport, der kleine Fußball, die Vereine die besondere Unterstützung der Politik?

Die Politik muss helfen, wo sie kann. Und sie tut das auch! Der Deutsche Bundestag hat im März beispiellose Hilfen auf den Weg gebracht. Das rettet viele Existenzen. Aber beim Amateursport und den selbstständigen Kulturschaffenden gibt es Nachholbedarf. Ich setze mich bei Sportminister und Innenminister Horst Seehofer für ein „Sofortprogramm Amateursport“ ein, sehe im Fußball aber vor allem die Deutsche Fußball Liga in der Pflicht, dem Jugend- und Amateurbereich über die Krise zu helfen. Das wäre ein Stück gelebter Solidarität!

Sie mahnen auch: Der Fußball müsse an seine Wurzeln denken, er habe sich weit von der Basis entfernt – woran machen Sie das fest?

Der Profifußball hat in den vergangenen Jahren viel Vertrauen verspielt, weil er zum Teil den Kontakt mit den Menschen verloren hat. Die exzessiven Ablösesummen sowie Spieler- und Beraterhonorare sind für viele Fans nicht mehr nachvollziehbar. Fotos von „goldenen Steaks“ in den sozialen Medien stoßen auch wohlmeinende Menschen vor den Kopf. Da muss die Bundesliga besser werden.

Weg von der Basis, überkommerzialisiert, TV-Geld bestimmt – das beißt sich doch mit der Forderung von Geisterspielen – wie kommen Sie mit dem Widerspruch klar?

Es gibt keinen Widerspruch! Dass die DFL mit dem Verkauf der Übertragungsrechte Einnahmen erzielt, ist nachvollziehbar und legitim. Es gilt aber, Maß und Mitte zu wahren und die Interessen der Anhänger im Blick zu behalten. Auch bei einer massiven Reduzierung der Spielergehälter wären viele Vereine jetzt in einer Existenzkrise. Wenn Traditionsvereine in die Insolvenz gehen, werden sie noch leichtere Beute der Finanzinvestoren. Das will keiner.

Was passiert, wenn viele Corona-Fälle auftreten?

Wenn es in der Bundesliga zu vermehrten Corona-Fällen kommt, wird die Fortsetzung der Saison schwierig. Entscheiden werden am Ende die Gesundheitsbehörden.

Wie stehen Sie zur Fortsetzung der BBL am Standort München – ein sportliches Muster ohne Wert?

Ich finde es großartig, dass sich die Easy-Credit-Basketball-Bundesliga dazu entschlossen hat, ein Play-Off-Turnier auszutragen und von der Saison zu retten, was zu retten ist. Das ist nicht gleichwertig mit normalen Spielen. Aber die BG hatte bis zur Unterbrechung einen so fantastischen Lauf, dass ich es den Spielern von Herzen gönne, diese Saison auch abzuschließen.

Zur Person

Thomas Oppermann (66) ist seit Oktober 2017 Vizepräsident des Deutschen Bundestages. Er war von 2013 bis 2017 Vorsitzender der SPD-Fraktion. In Niedersachsen war er von 1998 bis 2003 Minister für Wissenschaft und Kultur. Oppermann ist seit 1980 in der SPD. Er ist Vorsitzender der Ethikkommission des Deutschen Fußball Bundes (DFB) und spielt im Team des FC Bundestag. Der Jurist, der auch als Richter arbeitete, hat vier Kinder und lebt in Göttingen.

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