Bau der Helmetalbahn 1944/45

Tod von KZ-Häftlingen: Die Geschichte, die niemand mitbekommen hat

Das Triebwerksteil einer sogenannten Vergeltungswaffe 2
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Das Triebwerksteil einer sogenannten Vergeltungswaffe 2 (V2) steht in einem Stollen im ehemaligen Konzentrationslager Mittelbau-Dora in Nordhausen.

Sie hatten ihre Lager teilweise ganz nah den Wohngebieten und doch wollte hinterher niemand etwas von ihrem Schicksal mitbekommen haben: Etwa 3000 Insassen des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora bei Nordhausen (Thüringen) mussten 1944/45 an der Fertigstellung der Helmetalbahn zwischen Nordhausen und Osterhagen, einem Ortsteil von Bad Lauterberg im Landkreis Göttingen, schuften.

Bad Lauterberg – Etwa die Hälfte von ihnen kam aufgrund der schlechten Lebensbedingungen oder bei Erschießungen und Todesmärschen ums Leben.

Die Göttinger Erste Kreisrätin Christel Wemheuer spricht im Zusammenhang mit der Erinnerung an den Bau der Helmetalbahn, mit der die Vergeltungswaffe V2 von Nordhausen nach Westen transportiert werden sollte, von einer „hohen Verdrängungsleistung“ der Bevölkerung. So war es noch vor Jahren teilweise schwierig, mit den Grundstückseigentümern zu diesem Thema ins Gespräch zu kommen.

Es ist ein Teil der Vergangenheit, der lange Zeit nicht im Bewusstsein der Südharzer Bevölkerung war – und es auch heute kaum zu sein scheint: Nach Bombenangriffen auf die Heeresversuchsanstalt Peenemünde im August 1943 wurde die Produktion von V1 und V2 in den Stollen Kohnstein bei Nordhausen verlagert. Dafür wurde das Außenlager Dora gegründet, das ab Oktober 1944 als eigenständiges Konzentrationslager Mittelbau fungierte und über zahlreiche Außenlager – auch im niedersächsischen Südharz – verfügte.

Für den Transport der V2-Raketen nach Westen wurde ab Mai 1944 die Helmetalbahn gebaut – allerdings nie fertiggestellt. Eingesetzt wurden dabei etwa 3000 KZ-Häftlinge, die während des Baus in Lagern entlang der Strecke untergebracht waren. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren äußerst schlecht. Nicht wenige starben daran. Auch auf Todesmärschen kamen viele der KZ-Insassen ums Leben. Weitere wurden am 13. April 1945 bei einem Massaker in Gardelegen (Sachsen-Anhalt) bei lebendigem Leib verbrannt.

Das alles ist vielen Einwohnern und Besuchern des Helmetals weitgehend unbekannt. Die Arbeitsgemeinschaft (AG) Spurensuche versucht, das seit Anfang der 1990er zu ändern – allerdings nur mit mäßigem Erfolg. Auf deren Initiative wurden zwei Gedenksteine an den Lagerstandorten in Nüxei und Osterhagen in den 1990er Jahren geschaffen, der Wunsch eines größeren Gedenkprojektes zwischen Osterhagen und Mackenrode erfüllte sich nicht. Nun hat der Landkreis Göttingen eine Machbarkeitsstudie für einen Gedenkweg entlang der ehemaligen Helmetalbahn in Auftrag gegeben.

Wie das Gedenken aussehen kann, wer sich um Umsetzung und Pflege kümmert und wie das Projekt letztendlich finanziert werden könnte – das alles ist Zukunftsmusik, wie Kreisrätin Christel Wemheuer im Gespräch mit unserer Zeitung erläutert. Zunächst geht es darum, verschiedene lokale Akteure zusammenzubringen, die Menschen vor Ort vom Gedenken an diesen schrecklichen Teil der Vergangenheit zu überzeugen.

„Die Grundidee ist, dass sich die Menschen vor Ort um die Umsetzung kümmern“, sagt Wemheuer. Schulen der Region hätten bereits Interesse signalisiert, sich längerfristig mit dem Thema auseinandersetzen zu wollen und es pädagogisch begleiten zu wollen. .

„Es ist die historisch letzte Chance: Will man sich den Geschehnissen wirklich widmen?“, appelliert Wemheuer für eine breite Unterstützung des Projekts. Nur wenige Zeitzeugen seien noch am Leben – und das wohl nicht mehr allzu lange. Es gibt bereits schockierende Zeitzeugen-Berichte, die im mittlerweile vergriffenen Buch von Firouz Vladi „Der Bau der Helmetalbahn“ (Duderstadt, 2000) erschienen sind. (Andreas Arens)

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