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Tödlicher Kranunfall: Prozess bringt weitere Details ans Licht

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Von: Heidi Niemann

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Unglück in Esebeck: In dem Dorf bei Göttingen stürzte am 12. Juni 2021 ein Baukran in einen Rohbau, dabei kam ein Arbeiter ums Leben. Der Kran lag auch auf der Straße.
Unglück in Esebeck: In dem Dorf bei Göttingen stürzte am 12. Juni 2021 ein Baukran in einen Rohbau, dabei kam ein Arbeiter ums Leben. Der Kran lag auch auf der Straße. © Stefan Rampfel

Neun Monate nach einem tödlichen Kranunfall auf einer Baustelle im Göttinger Ortsteil Esebeck hat der Fall jetzt ein gerichtliches Nachspiel gefunden.

Göttingen – Das Amtsgericht Göttingen verurteilte am Mittwoch einen 43-jährigen Bauunternehmer und Kranführer wegen fahrlässiger Tötung und fahrlässiger Körperverletzung zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr und acht Monaten.

Der Kran war an einem Samstagnachmittag Mitte Juni 2021 während Ladetätigkeiten plötzlich umgekippt. Er fiel auf das Obergeschoss des Rohbaus und begrub einen aus Serbien stammenden Bauarbeiter unter sich. Nach Angaben der Polizei war der 29-Jährige vermutlich sofort tot gewesen.

Kranunfall in Göttingen: Schwager des Toten muss Unterschenkel amputiert werden

Die Obduktion ergab, dass er vermutlich anfangs am Kopf getroffen wurde, zu Boden fiel und dann weitere Kranteile auf seinen Körper geknallt waren. Todesursache sei ein schweres Rumpftrauma gewesen, das mit erheblichem Blutverlust verbunden war.

Bei dem Unfall wurde ein weiterer Bauarbeiter in den Trümmern eingeklemmt. Bei ihm handelt es sich um den Schwager des Angeklagten. Der 38-jährige Serbe wurde dadurch so schwer verletzt, dass ihm in einer Notoperation der linke Unterschenkel amputiert werden musste. Er sei bewusstlos gewesen und erst einen Tag später im Krankenhaus wieder zu sich gekommen, berichtete er vor Gericht.

Baufirma aus Göttingen muss sich nach tödlichem Arbeitsunfall verantworten

Der aus Montenegro stammende Angeklagte hatte damals ein eigenes Bauunternehmen im Sauerland gehabt. Damit habe er sich einen Lebenstraum erfüllt, sagte sein Verteidiger. Nach dem tödlichen Arbeitsunfall habe er seine Firma verkauft, derzeit sei er dort als angestellter Bauarbeiter tätig. Den Kran hatte drei Wochen zuvor eine Baufirma aus Göttingen aufgestellt.

Nach Ansicht des Göttinger Amtsgerichts trifft diese Firma eine erhebliche Mitverantwortung an dem schweren Unfall: „Sie haben einen Kran hingestellt, der nicht funktionstüchtig war.“ Zuvor hatte ein technischer Sachverständiger ausgeführt, dass man schon vor Gericht beim Aufstellen des Krans hätte erkennen müssen, dass eine Schraube an der automatischen Abschaltung defekt war.

Dieser Schalter soll verhindern, dass es zu einem Überschreiten der Maximallast kommt. Außerdem sei nach dem Aufstellen offenbar nicht die erforderliche vorgeschriebene Sachkundeprüfung vorgenommen worden.

Gericht: Kran vor tödlichem Unfall nicht auf Mängel geprüft

Bei dem Prozess um den tödlichen Kranunfall im Göttinger Ortsteil Esebeck wurden mehr Details des Unglücks bekannt. Der 43-jährige Angeklagte war auf der Baustelle in Esebeck als Subunternehmer und Kranführer tätig gewesen. In den Unfallverhütungsvorschriften ist festgelegt, dass ein Kran jedes Mal vor der Inbetriebnahme auf augenfällige Mängel überprüft werden muss. Dies hat er nach Ansicht des Gerichts unterlassen. Anderenfalls hätte ihm schon lange vor dem Unfall auffallen müssen, dass die Schraube an der Überlastsicherung defekt war und er nicht mit dem Kran hätte arbeiten dürfen.

Außerdem gab es an jenem Tag auch einen Verstoß gegen eine weitere Unfallverhütungsvorschrift: Der Angeklagte hatte versucht, mit dem Kran ein Stahlmattenpaket mit einem Gesamtgewicht von 2194 Kilo zu heben. Laut Betriebsanleitung hätte der Kran jedoch nur eine Maximallast von 1070 Kilo am Haken haben dürfen, also weniger als die Hälfte.

Das Gericht entsprach mit seinem Urteil dem Antrag der Verteidigung. Die Vertreterin der Staatsanwaltschaft forderte dagegen eine etwas höhere Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Sie warf dem Angeklagten vor, dass er sich nicht nur fahrlässig, sondern auch leichtfertig verhalten habe, indem er bewusst geltende Vorschriften missachtet habe. Zu seinen Lasten sei außerdem zu werten, dass er mehrfach vorbestraft sei. Das Bundeszentralregister weise insgesamt 16 Eintragungen wegen unterschiedlicher Delikte auf. (Heidi Niemann)

Polizist: Ausländerrechtliche Verstöße

In dem Prozess hatte ein als Zeuge geladener Polizist davon berichtet, dass es auf der Baustelle in Esebeck offenbar auch ausländerrechtliche Verstöße gab, die allerdings in dem Urteil keine Rolle spielten. So hätten Zeugen nach dem tödlichen Unfall ausgesagt, dass nach dem Umsturz des Krans mehrere Personen fluchtartig die Baustelle verlassen hätten. Die Ermittler fanden damals einen kroatischen Ausweis, der sich bei näherer Prüfung als Totalfälschung entpuppte. (pid)

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