1. Startseite
  2. Lokales
  3. Göttingen
  4. Göttingen

Prozess wegen Tötung einer 51-Jährigen in Göttingen: Gericht hört illegale Audiodatei des Angeklagten

Erstellt:

Von: Heidi Niemann

Kommentare

Der Eingang zum Landgericht Göttingen.
Der Eingang zum Landgericht Göttingen (Symbolbild) © Bernd Schlegel

Dreieinhalb Stunden lang lauschten die Verfahrensteilnehmer und Zuhörer eines Mordprozesses einer privaten Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau. Dem Mann wird ein gewaltsamer Tod an einer 51-jähringen Frau vorgeworfen.

Göttingen – So etwas hat es im Schwurgerichtssaal des Göttinger Landgerichts wohl noch niegegeben: Dreieinhalb Stunden lang lauschten am Mittwoch die Verfahrensteilnehmer und Zuhörer eines Mordprozesses einer privaten Begegnung zwischen einem Mann und einer Frau.

Dass in einer Verhandlung heimlich aufgenommene Gespräche vorgespielt werden, ist an sich nichts Ungewöhnliches. Dies kommt auch dann vor, wenn die Polizei im Rahmen der Ermittlungen Telefongespräche von Verdächtigen abgehört hat. Solche Aufzeichnungen bedürfen aber stets der richterlichen Genehmigung.

Die Aufnahme, die in dem Verfahren um den gewaltsamen Tod einer 51-jährigen Frau in Göttingen vorgespielt wurde, ist illegal entstanden: Der 44-jährige Angeklagte hatte am Vorabend der Tat seine Ex-Freundin in ihrer Wohnung besucht und heimlich den Verlauf der Begegnung aufgezeichnet.

Telefongespräche und Besuch bei der Ex-Freundin wurden aufgezeichnet

Die Polizei hatte die Audioaufnahme nach seiner Festnahme entdeckt.

Bei der Auswertung der sichergestellten digitalen Datenträger stellten Ermittler fest, dass der Angeklagte auf einem iPhone eine App installiert hatte, mit der er nicht nur diverse Telefongespräche, sondern auch den Besuch bei seiner Ex-Freundin aufgezeichnet hatte – vom Klingeln über den Aufenthalt in der Wohnung bis zu den Schritten auf der Treppe, als er die Wohnung wieder verließ.

Warum er die Audioaufnahmen gemacht hat, ist unklar. Der 44-jährige IT-Experte aus Hannover schweigt sich darüber aus. Am vorangegangenen Verhandlungstag hatte er in einer von seinem Verteidiger verlesenen Erklärung eingeräumt, seine 51-jährige Ex-Freundin im August 2021 erwürgt zu haben.

Er dachte, dass die Beziehung noch zu retten sei

Er sei nach dem Besuch am nächsten Tag noch einmal zu ihr nach Göttingen gefahren, weil er „sauer“ gewesen sei. Er habe nach dem Treffen gedacht, dass ihre Beziehung doch noch zu retten sei.

Diese „Euphorie“ sei am nächsten Morgen zerplatzt, als er über den von ihm heimlich installierten Fernzugriff die SMS-Nachrichten mitlas, die seine Ex-Freundin mit ihrem Vater austauschte.

Die 51-Jährige habe darin ein gänzlich anderes Bild von dem Abend gezeichnet. „Ich wollte so nicht mit mir umgehenlassen“, heißt es in seiner Erklärung.

Außenstehende bekamen intime Einblicke

Das Abspielen der Audioaufnahme von dem Besuch war verstörend und beklemmend: Die Zuhörer im Gerichtssaal hörten die Stimme einer Frau, die nichts von dem „Lauschangriff“ ihres Ex-Freundes wusste und wenige Stunden später nicht mehr am Leben war.

Nun bekamen Außenstehende in einem Mordprozess intime Einblicke in ihre Wohnung, ihre Privatsphäre und ihre Gefühlswelt bekamen.

Aus der jetzt als Beweismitteldienenden Aufzeichnung lässt sich der Schluss ziehen, dass es – im Gegensatz zur Einlassung des Angeklagten – für den 44-Jährigen nach seinem unangekündigten Besuch keinen Anlass zur Euphorie gab. (Heidi Niemann)

Auch interessant

Kommentare